Das 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert mache ich keine Einteilung nach Königinnen und Königen mehr. Aber auch die Einteilung nach Stilrichtungen ist nicht ganz einfach. Vieles geht ineinander über.

Seit gut 30 Jahren kennen wir jetzt den Siegeszug von Internet und weltweiten Pauschalreisen und merken, wie klein die Welt doch ist. Aber schon vor 100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wuchs die Welt zusammen. Weltausstellungen gab es schon länger, Alfred Crichton (England) und Georg Jensen (Dänemark) eröffneten Filialen in New York - und 1914 begann ein unschönes Kapitel, das man später den 1. "Welt"krieg nennen sollte.

Auch Designströmungen wurden international. War vielleicht die Arts+Crafts-Bewegung (ca. 1885 - 1915) noch ein eher regionales Phänomen in England ...

... so waren Jugendstil / Art Nouveau (ca. 1895 -1915) zumindest europäisch. Ich freue mich, Ihnen an dieser Stelle auch mal Silberwerke aus Deutschland zeigen zu können, denn im Jugenstil waren wir ziemlich gut. Wie auch die Dänen mit Evald Nielsen und Georg Jensen u.a.

Wenn Sie tiefer in dieses Themen einsteigen möchten, dann finden Sie hier zunächst ein paar Literaturempfehlungen zum 20. Jahrhundert.

Nachdem sich die Leute an den oft floralen "süßen" Motiven des Jugendstils satt gesehen hatten, steuerte spätestens ab 1920 alles auf einen deutlich schlichteren Stil zu, der bis heute von seiner Zeitlosigkeit nichts verloren hat: Art Deco

Aber was ist Art Deco überhaupt?

Immer wieder mal habe ich mich ein wenig in Literatur über "Art Deco" vertieft. Schöne Bücher, keine Frage. Man kann die Dinge aber auch kompliziert machen ... Was da alles reininterpretiert wird! Und je weiter der Autor zeitlich entfernt ist von den 20er und 30er Jahren des 20. JH, desto mehr „sieht“ er. 

Ich bin da eher einfach gestrickt. Die Franzosen – also Paris - waren seit Jahrhunderten führend bei den schönen Künsten. Trendsetter bei Mode und Design, sei es Schmuck, Stoffe, Möbel oder Tischkultur. Aber sie hatten zu Beginn des 20. JH etwas den Anschluss verloren. Selbst die Deutschen mit ihrem Jugendstil exportieren mehr Luxusgüter in die USA.

Also gaben die Franzosen mal wieder Gas und wurden designtechnisch kreativ.

Da haben Sie schon was drauf, das muss man anerkennen. Auch, wenn man wie ich, mit dem Satz durchs Leben geht: „Gott schütze mich vor Sturm und Wind. Und Autos, die aus Frankreich sind“

Spätestens zur großen Ausstellung 1925 in Paris, der "Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes", hatten sie sich wieder an die Spitze gesetzt und prägten eine Richtung der Dekorativen Kunst (und „mehr“ ist es nicht!), die u. a. als "French Style" bezeichnet wurde.

Übrigens: Dass der Konkurent Deutschland nicht an der Ausstellung teil nahm, dürfte sie eher gefreut haben. Dass aber die USA mit einer recht schnippischen Begründung von Präsident Hoover fernblieben, hat sicher am Ego der Grand Nation gekratzt.

Erst seit den 1960er Jahren gibt es für die Stilrichtung den Oberbegriff „Art Deco“. Aber nicht alles, was schlicht, streng oder geometrisch gestaltet wurde, ist Art Deco. Und schon gar nicht alles, was in den 1920ern und 30ern produziert wurde!

Es wurde auch nicht alles neu erfunden - gerne wurden Anleihen genommen bei der schlichten Formensprache des frühen und späten 18. Jahrhunderts. Typisch waren z. B. um 1715/20 für ein paar Jahre die Seitengriffe an Tee- und Kaffeekannen; wie bei dem unten gezeigten Café au Lait set von 1934. Die elegante Linienführung macht den Unterschied.

Oder vergleichen Sie die Teekanne von 1793 (Mitte) mit der hochwertigen Kristallkaraffe von 1937 (rechts) - die jeder (mit Recht) "typisch Art Deco" nennen würde.


"Typisch Art Deco" bedeutet für mich persönlich, dass ich eine Verbindung finde zu DEM Art Deco Gebäude überhaupt: Dem Chrysler Building in New York von 1930.

Oder dass ich erinnert werde an meine Eindrücke vom Art Deco District in Miami Beach.


Sie sehen hier Art Deco Schätzchen aus England, Frankreich, Amerika und Skandinavien. Ich könnte nicht sagen, wer im 20. Jahrhundert die Interessanteren geschaffen hat.

Bildergalerie Art Deco



England nach dem 2. Weltkrieg

Der 2. Weltkrieg schlug große Kerben in die Britische Silberindustrie. Die erfahrenen Silberschmiede wurden für feinmechanische Arbeiten in der Rüstungsindustrie eingesetzt - die jungen an der Front erschossen.

Der Bedarf an Haushaltssilber ging naturgemäß zurück und eine Luxus-Steuer von 110 % auf neue Silberwaren half auch nicht wirklich.

In den folgenden 3 Jahrzehnten starben die großen silberverarbeitenden Betriebe der Reihe nach weg. Erst kamen die Fusionen (Barker Brothers und Ellis, Roberts + Belk zu Vander u.s.w.) bzw. der Zusammenschluss zu großen Konglomeraten wie Padget + Braham Ltd. Dann brachten die wirtschaftlichen Probleme der 70er Jahre (Ölkrise, Arbeitskämpfe u.a.) vielen Firmen in England das endgültige Aus.

Man muss aber auch klar sagen, dass es einfach keinen großen Bedarf für neues Haushaltssilber gab und gibt. Besteck und Schalen aus rostfreiem Edelstahl oder Tupperware für die Spülmaschine ... Kaffeemaschinen ... die grundsätzliche Veränderung der Lebensgewohnheiten mit kleineren Haushalten und berufstätigen Frauen ... immer seltener werdende gemeinsame Mahlzeiten ... die Liste mit Gründen könnte ich beliebig verlängern.

Die Zeit des Tafelsilbers für breite Kreise der Bevölkerung ist vorbei. Punkt. Und die wenigen noch aktiven großen alten Namen wir Mappin+Webb oder Garrard leben vom Schmuck.

Man kann den Engländern nicht unterstellen, sie hätten sich gegen den oben beschriebenen Niedergang nicht mit allen Mittel gewehrt. Dabei können sie auch große Erfolge verbuchen.

Schon während WW2 erkannten sie, dass die enormen Kriegskosten (angehäuft in einem Staatsfond) nur getilgt werden können, wenn die britische Industrie exportfähige Waren produziert. Um marktfähiges Design zu fördern, wurde u.a. das Council of Industrial Design (Design Council) gegründet.

Das Londoner Royal College of Art sollte dafür sorgen, dass fähige Designer ausgebildet wurden - und das tat es! In den 50ern absolvierte die Crème de la Crème der englischen Industriedesigner diese Kaderschmiede und prägte durch ihr Wirken und die Ausbildung der nachkommenden Generationen nicht nur das Silberhandwerk.

So war z. B. David Mellor eine große Nummer in England. Man konnte und kann im öffentlichen Leben kaum an ihm vorbei. Oder, genauer, an von ihm gestalteten Ampeln, Briefkästen, Bushaltestellen und Strassenlaternen.

Für sein Teeservice "Pride" erhielt David Mellor 1959 eine der wichtigsten Auszeichnungen für exzellentes Industriedesign: Den Design Centre Award by the Council of Industrial Design". Für Optik UND Funktionalität.

Rechts daneben ein anderer Klassiker der 60er, von Eric Clement.

Neben Clement und Mellor gehörten auch u.a. Gerald Benney, Robert Welch und Stuart Devlin zu dieser Gruppe. Sie alle hatten noch die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln in den noch produzierenden Betrieben wie z.B. C J Vander. Dadurch waren sie in der Lage, marktfähige Silberwaren zu gestalten und nicht nur (wie bei folgenden Exemplaren) ihre Formenträume auszuleben.


Erfreulicherweise findet man auch im 20. JH immer wieder mal handgeschmiedete Schätzchen.


Auch der Rest der Welt hat in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht geschlafen:


Zum Ende des Jahrtausend hatten auch die besten Designer kaum noch Chancen auf nennenswerten Umsatz mit gebrauchsfähigem Tafelsilber. Der Fokus lag eher auf extravagantem Design für zahlungskräftige Sammler oder besondere Auftragsarbeiten.

Nicht wenige Kollegen prophezeien, dass die Nachfrage nach modernem Silber der nach antiken Stücken bald mindestens ebenbürtig sein wird. Aus den 1960/70/80ern wird schon einiges gehandelt.

Stuart Devlin z.B. hat in seiner Zeit riesige Mengen produziert. Für ihn arbeiteten zeitweise 60 Leute, davon 40 Silberschmiede "at the bench". 1989 schloss er dann alle Shops und Werkstätten, zog sich auf´s Land zurück und machte nur noch spezielle Auftragsarbeiten. Und was für welche!

An diesem Millenium Dish für die Goldsmith`s Company arbeitet er nach glaubhaften Berichten 15 Monate jeden Tag den ganzen Tag. Hier brachte er auch die Erfahrungen ein, die er durch Entwurf und Fertigung der Münzen anläßlich der Olympiade 2000 in Sydney gemacht hatte.

Sicherlich eines der spektakulärsten Stücke des 20. Jahrhunderts.

Nun leben wir im 21. Jahrhundert. Was wird man in 100 oder 200 Jahren sagen können über Silberkunst heute?

Silber aus der ersten Hälfte des 18. JH gehört heute zu den begehrtesten Sammlerstücken. Die Hugenotten, Paul de Lamerie ... Gleiches gilt für das frühe 19. JH: Regency, Paul Storr ... Das frühe 20. JH war nicht so doll - aber es war ja auch Krieg.

Und das frühe 21. JH? Welche Unterschiede gibt es zu damals? Ganz pauschal: Das Tafelsilber von Lamerie und Storrr wurde benutzt - und mußte darüber hinaus auch gefallen und vor allem repräsentativ / beeindruckend sein in Qualität und Wertanmutung. Heute muss Silber oft nur gefallen und dekorativ sein. Ach ja - manches kann man auch benutzen. Und (Hand -) Arbeitskosten will kaum noch jemand bezahlen. Also: Die Prioritäten haben sich verschoben.

Die Szene in England ist durchaus rührig. Es gibt doch einige junge und ältere sog. Siversmith Designer. In viele moderne Werkstätten haben Drehmaschinen, CNC-Fräsen, Pressen und Laser Einzug gehalten. Am liebsten sind mir immer noch die Traditionalisten, die mit großen und kleinen Hämmern Kunstwerke schaffen.

Und es gibt sie noch, die "Meister des Treibhammers"

Bekannt für spektakuläre Vasen und Schalen sind Hiroshi Suzuki und William Lee. Ersterer wird teuer vermarktet von Adrian Sassoon: 

http://www.adriansassoon.com/artists/hiroshi-suzuki/

Von Lee bei der Arbeit gibt es ein schönes Video: 

https://www.youtube.com/watch?v=w0yBeNvdvrA

Jedes Stück ein Unikat und aus einem einzigen Stück Silber gehämmert. Lee lebte einige Zeit in London, wurde mit Auszeichnungen überhäuft und verschwand wieder in seine Heimat Korea, wo er sich offensichtlich auch monumentalen Werken aus Kupfer widmet. Es gibt Videos die zeigen, wie er mit riesigen Holzhämmern noch größere Kupferschalen treibt.

 Ich habe mir die Szene vor ein paar Jahren vor Ort genauer angeschaut und bin auch die eine oder andere Kooperation eingegangen. Interessant - aber man muss sich schon als Förderer der Kunst verstehen, um mit Künstlern zu arbeiten. Hier eine schöne Erfahrung, die ich aber nicht wiederholen werde: (Bilder klicken um Text zu lesen)

Für mich die absolute Nummer 1 unter den lebenden Silberkünstlern ist Miriam Hanid. Sie kommt ursprünglich von der Malerei. Als ich sie mal besuchte, habe ich Entwurfzeichnungen gesehen, die für sich schon Kunstwerke waren, die man sich an die Wand hängen sollte.

Ich fasse mich hier kurz, denn sie hat eine wunderbare Webseite. Klicken Sie mal durch ihre Gallery:    https://miriamhanid.com

... und Frau Google weiß mittlerweile auch eine Menge über sie.