Punzen / Stempel / Hallmarks / Silbermarken

Grundsätzlich dient eine Punzierung von Silber dazu, den Silbergehalt durch eine offizielle Prüfstelle zu bestätigen. Man kann an der Art der Stempelung auch oft ablesen, wann gestempelt wurde. Zumindest ungefähr. Und wo. Wenn dazu noch Hinweise über die Herstellerwerkstatt oder zumindest über den Vertriebshändler gegeben werden, umso besser.

Nirgendwo auf der Welt wird auch nur ansatzweise so kontrolliert und so penibel gepunzt wie in England. Das ist dort eine richtig ernste Angelegenheit seit über 700 Jahren. Verfehlungen oder gar Fälschungen sind hoch strafbewehrt.

Anderswo ist das anders. Aus China kaufe ich gar nichts und schon im pingeligen Deutschland kann jeder Silberschmied selbst nach Prüfung stempeln. Jahresangaben gibt es hier praktisch nicht. Man kann nur an der Art der Stempel z.B. sagen, ob etwas vor oder nach 1886 gestempelt wurde.

Andere Länder liegen irgendwo dazwischen.

Man muss daraus keine Wissenschaft machen und das tun wir auf dem Kontinent ja auch nicht. Das merkt man schon am Gestammel der Händler bei "Bares für Rares" zum Thema.

Wir leben damit, dass man eine Silberkanne aus Deutschland so "ungefähr um 1900 herum" datieren kann. Aber wehe, auf einer Kanne aus England ist mal der Jahresbuchstabe für 1897 nicht mehr richtig lesbar ...

Die genaue Punzierung in England erlaubt eine klare zeitliche Einordnungen und gibt sogar Einblicke in gesellschaftliche Entwicklungen. Außerdem beruhigt sie. Das Thema "Fälschungen" kann man im Grunde vernachlässigen. Gerade deshalb ist jeder der wenigen ernstzunehmenden Fälle in der langen Geschichte dort bestens dokumentiert und immer ein Riesenzirkus. Dazu unten mehr.

Zunächst einmal eine Erklärung der Punzen in England. Sie sehen hier das Prinzip der Punzierung, wie es seit 1544 unverändert gilt (bis auf die kleine Britannia-Silver-Periode 1697-1720).

Beginnen wir mit den 4 Stempeln in Reihe. Die darf nicht der Hersteller stempeln (oder heute lasern)! Jedes Teil muss physisch einem sog. Assay Office vorgelegt werden; sozusagen dem TÜV. Dort wird die Legierung geprüft und in unserem Fall durch den schreitenden Löwen dokumentiert, dass tatsächlich 925er Silber vorgelegt wurde. Und zwar im Assay Office London. Das erkennt man am gekrönten Leopardenkopf. Auch wenn der eher aussieht wir Jupp aus dem 11er-Rat.

Es gibt aktuell noch weitere Assay Offices in Sheffield (Krone), Birmingham (Anker), Edinburgh (Burg) und Dublin (Hibernia). Früher gab es noch etliche Offices in der Provinz.

Provinzielles Silber ist ein beliebtes Sammelgebiet. Ein gutes Buch zum Thema:

Das 3. Zeichen in Reihe ist der Jahresbuchstabe. Das O in genau dieser Form und Schrift und mit genau diesem Schild gibt das Jahr der Stempelung an - London, 1789. Alle Marken sind in diesem kleinen Taschenbuch.

Das Jahr beginnt aber erst seit 1975 immer am 1. Januar. Bis dahin am Jahrestag des Schutzpatrons der Gold- und Silberschmiede, St. Duncan. Also am 19. Mai bzw. nach der Reformation 1660 am 29. Mai. Ein Buchstabe bezeichnete deshalb Teile von 2 Jahren.

Die Marke ganz rechts ist eine Steuermarke. Der Kopf des amtierenden Königs, hier George III. Steuermarken gab es oft, aber nicht immer.

Ganz links, etwas abgesetzt, sehen Sie die eingetragene (und deshalb dokumentierte) Meistermarke von Moses Brent. Gelistet sind die alten Marken perfekt im "Grimwade".


Für den "Alltag" finden Sie alles hier: http://www.silvermakersmarks.co.uk/index.htm

Die masters mark durfte der "Meister" selbst stempeln. Meistermarken zeigen, wer die Verantwortung übernimmt. Nicht unbedingt, wer das gute Stück geschmiedet hat. Das kann durchaus der Geselle oder ein anderer beschäftigter Arbeiter gewesen sein. Oder das Stück wurde sogar zugekauft. Die Arbeitsteilung im Silberhandwerk hat sich seit der Mitte des 18. JH entwickelt wie in jeder anderen Branche auch.

Die Meisterwerke von Paul de Lamerie oder Paul Storr entstanden nicht, weil das geniale Silberschmiede waren, die in dunkler Werkstatt bei Kerzenlicht zauberten. Ihre Leistung bestand vielmehr darin, die besten Ideen zu sammeln, die interne und externe Umsetzung durch die besten Fachkräfte zu organisieren, damit den Geschmack zahlungskräftiger Kunden zu treffen und durch deren Acquise den Absatz zu ermöglichen. Erfolgreiches Management eines mittelständischen Unternehmens also.

Man sollte die Meistermarken (die auch zunehmend sponsor marks genannt werden) deshalb nicht überbewerten. Natürlich garantieren einige Firmenstempel immer gute Qualität. Auch noch im 19. und 20. Jahrhundert. Die großen Handelshäuser wie z.B. Hoflieferant Garrard oder Luxusmarken wie Asprey oder Tiffany kauften und vertrieben nur gute Ware. Als Neuware völlig überteuert. Weil man den Namen bezahlt. Auf dem 2. Markt relativiert sich das.

Auf altem Silber erkennt man auf der Unterseite recht häufig eine etwas hellere Stelle, an der hauchdünn die Probe für Feststellung der Legierung abgekratzt wurde. Heute wird die Prüfung elektronisch vorgenommen mit einem sog. X-Ray Flourescence Spectroscopy (XRF).

Außerdem findet man manchmal eine Folge von Ziffern (in dem Beispiel unten zusätzlich mit Buchstaben), die das sog. scratch weight (Kratz-Gewicht) angeben. Also das Silbergewicht zum Zeitpunkt der Probenprüfung.

Das Gewicht wird angegeben in Feinunzen (OZ Troy) und Pennyweight (dwt). Hier 7 oz und 16 dwt.

Gemeint ist die Fein-Unze (troy-ounze), also 31,1 Gramm. Die "normale" Unze sind nur 28 Gramm. Speziell Händler aus den USA ignorien schon mal den Unterschied zu Ihren Gunsten. Aber das sind ja grundsätzlich auch alles andere als Hanseatischen Kaufleute ...

Vergleichen Sie das schratch-weight mit dem heutigen Gewicht (immer ggf. abzüglich Holzgriff u.s.w) und Sie wissen, wie stark der Abrieb durch Nutzung und Polituren war über die Jahrhunderte.


Schummeleien und Betrug

Oben schrieb ich, man könne das Thema Fälschungen bei Silber von den Britischen Inseln im Grunde vernachlässigen. Trotzdem widme ich ihm hier aus Interesse ein Kapitel.

Ich erwähnte auch schon, dass in England seit Jahrhunderten sehr streng auf ordnungsgemäße Punzierung geachtet wird. So kann man sicher sein, auch die angegebene Menge an Silber zu erhalten.

Es ist z.B. folgender Fall aus der Mitte des 19. JH dokumentiert:

Seit ........  mussten alle abnehmbaren Teile eines Silberwerkes einzeln gepunzt werden. Bei einer Teekanne also Korpus, Griff und Krone. Ein junger Silberschmied liefert eine ordnungsgemäß punzierte Kanne aus. Dem Kunden gefällt der Griff nicht. Der Schmied schmelzt ihn ein, macht aus der exakt gleichen Menge Silber einen neuen, lässt diesen aber nicht mehr extra punzieren. Strafe: 50 Pfund. Ein Vermögen damals!

Man darf sich bei aller "Fürsorgepflicht" der Behörden nicht darüber hinweg täuschen lassen, dass eine ordnungsgemäße Punzierung auch der Erhebung von Steuern und Abgaben diente. Womit wir schon ein wunderbares Argument für Schummeleien haben - wenn ich steueroptimiertes Verhalten mal so nennen darf.

Auch, um es abzugrenzen gegen Betrugsabsichten gegenüber potentiellen Käufern. Bei denen geht es fast immer darum, ein neues Stück Silber durch die Fälschung der Punzen älter zu machen um den Preis zu steigern.

Oder man versucht ein Stück Silber den Herren Lamerie oder Storr zuzuschreiben, wodurch der Preis ebenfalls deutlich steigt.

Am gefährdetsten sind eindeutig Sammler von ganz alten hochpreisigen Löffeln.

Solche Fälschungen sind extrem aufwändig. Man kann ja nicht einfach einen neuen Löffel schmieden und dann selbstgebastelte Stempel rein machen. Das Silber muss "aus der Zeit sein" (siehe auch Test der Schale aus Dublin unter Spezial: Irland). Der Stil, der Erhaltungsszustand. Die Stempel müssen genau den alten Vorlagen entsprechen. Das alles soll ja erfahrene Sammler täuschen, die außerdem noch ein Netzwerk von Spezialisten haben. Womit wir auch schon beim aus meiner Sicht wichtigsten Motiv dieser Scharlatane sind: Sportlicher Ehrgeiz!

Es gibt ja nicht viele Fälle, aber der hier ist interessant.

Information on the case relating to Peter Ashley-Russell

Ein notorischer Fälscher, der nie nennenswert Geld damit verdient hat und stattdessen viel Zeit im Knast verbracht hat - was früher oder später so sicher war, wie das Amen in der Kirche.

Nein, in erster Linie ging es gerade im 18. Jahrhundert um Steuervermeidung und darum, den weiten Weg zum Assay Office zu sparen. Das Reisen mit Silber über Land war alles andere als sicher. Angenehm auch nicht und sehr zeitaufwändig. Warum also mit einem Stück, das ein Kunde so aus dem Laden kauft (oder sogar so in Auftrag gegeben hat) erst um die halbe Welt fahren und auch noch Steuern und Gebühren bezahlen?

Dann machte der Schmied einfach 3 x sein makers mark rein und fertig war die Laube. Den Kunden wird es nicht gestört haben. Einen solchen Schmied bzw. sein verwerfliches Tun nennt man Duty Dodger/dodging.

Möchten Sie tiefer einsteigen, dann finden Sie hier einen längeren Artikel zum Thema:  http://www.ascasonline.org/articoloDICEM121.html

John Newton war ein Spezialist für Teedosen. Man findet etliche Stücke, die er nur mit der Meistermarke gestempelt hat. Gerne wurde auch nur der leichte ausziehbare Boden gestempelt. Damals musste noch nicht jedes Teil einzeln gestempelt werden.


Die makers mark reicht zur zeitlichen Einordnung; man weiß ja, wann diese registriert wurde.

Es gab wohl auch den Trick, in ein neues schweres Stück die ausgeschnittenen Punzen aus einem leichten Stück einzuarbeiten. Dieses leichte Stück hatte man sich ordnungsgemäß punzieren lassen. Die Gebühren wurden nämlich nach Gewicht berechnet!

1973 wurde in England der Hallmarking Act erlassen. Diese aktuelle gesetzliche Zusammenfassung der seit Jahrhunderten bestehenden Regeln und Erlasse zur Punzierung von Silber und anderen Wertmetallen ist ja nur sinnvoll und steht in einer langen Tradition.

Aber was macht man heute mit den duty dodgern von vor 300 Jahren?

Man kennzeichnet sie. Wenn die "Polizei" sie findet. So durchstreifen ab und zu Kontrolleure im Vorfeld von Auktionen die Ausstellung und fordern die Auktionshäuser bei Verdacht auf, die Stücke aus der Auktion zu nehmen und zunächst dem Assay Office zur Prüfung vorzulegen.

So geschah es auch bei dieser Kaffeekanne:

Der Vorwurf: (ich habe den email-Schriftverkehr von Bonhams)

Nicht, dass die Kannen in irgendeiner Weise eine Fälschung sei. Nein, die Kanne ist von Paul Crespin und aus der Zeit. Da passt alles: Design Größe, Farbe, Zustand, zeitgenössisches Wappen der Familie Crips, deren Monument in der St. Mary`s Church in Wingham, Kent steht.

Aber der gute Paul hätte sich der oben beschriebenen Methode des duty dodging bedient und aus einem kleineren versteuerten Stück die Punzen in den Boden der Kanne eingebaut. Man kann zwar überhaupt keine Naht erkennen, aber die Punzen lägen ein wenig zu nah beeinander und ließen Rückschlüsse zu auf eine vormals kleinere Fläche. Aha ... ok.

Im Ergebnis hat man die Punzen durchkreuzt und eine Verwaltungsnummer LAO8956 eingeschlagen. Danach war der Verkauf auch in England wieder legal. Ochtnung muss ein!


Damit Sie mal sehen, wie eine plumpe Fälschung aussieht: Ein Auktionshaus bot neulich eine Kaffeekanne an mit "London 1725, Samuel Margas". Auf Nachfrage bekam ich allen Ernstes diese Bilder von den Punzen! Und der Stand stellte sich als versilbert heraus, 20. Jahrhundert. Sein Gewicht wurde aber bei der Angabe des Silbergewichts dazu addiert.



Reproduktionen

Auf keinen Fall mit Fälschungen gleich setzen darf man Reproduktionen. Also die Neuauflage nach alten Designvorlagen. Käme heute der Mini-Rock wieder in Mode, wäre das ja auch keine Fälschung zu Lasten von Mary Quant. Und die hat ihn ja wohl auch nur aus dem Zarewitsch von Lehár "geklaut".

Wer zum Beispiel ein Original Kaffee-und Teeservice haben möchte im Design des frühen 18. Jahrhunderts, hat keine Chance. Damals wurden keine Service gefertigt. Nur Einzelteile. Die ersten kompletten Service kamen erst ganz am Ende des Jahrhunderts auf.

Also bleibt gar nichts anderes übrig, als ein Service z.B. von Robert Comyns aus der Mitte des 20. JH zu kaufen im Design "nach Paul de Lamerie". Top-Qualität. Nichts gegen einzuwenden.

Top-Arbeiten lieferten die Royal Irish Silversmiths aus Dublin in den 1960er und 70er Jahren!



à propos Dublin ...

Silber aus Irland ist selten. Vor allem altes Silber!

Das überrascht nicht wirklich, ist Irland doch ein recht kleines Land und schwankte die Einwohnerzahl immer nur um 1/10 Englands herum.

Das katholische Irland war (auch als potentieller Partner Spaniens, des katholischen Erzfeindes der Engländer) über Jahrhunderte eine unruhige, fremdbestimmte und unterdrückte Eroberung der Engländer. Deren meist rücksichtslose Herrschaft trug dazu bei, die Einwohnerzahl Irlands zwischen 1820 und dem Jahr der Unabhängigkeit 1920/21 etwa zu halbieren, von rund 6 auf rund 3 Mio.

Viele Iren verhungerten oder verließen ihre Heimat, um sich z. B. in den USA eine neue Existenz aufzubauen.

Eine ordentliche Punzierung von Silber startete in Irland überhaupt erst 1638 mit der gekrönten Harfe (crowned harp) für die 925er Legierung, einer Meistermarke (makers mark) und einem Jahresbuchstaben (date letter). 

Heute sind nur rund 185 Stücke aus der Zeit zwischen 1600 und 1650 erhalten – davon gerade einmal 16 mit Punzen! Das hat wohl auch damit zu tun, dass 1643 zur Bezahlung von Soldaten alle Dubliner ihr Tafelsilber zur staatlichen Münze bringen mussten. Solche „Versilberungen“ von Tafelsilber, sei es privat oder staatlich verordnet, hat es zu allen Zeiten gegeben. Zuletzt vor weniger als 10 Jahren, als der Silberpreis kurzfristig spekulativ durch die Decke ging.

Ab 1730 kam dann die allseits beliebte Steuermarke dazu – ein poetisches Bild der sitzenden Hibernia mit Harfe. 

Frühe irische Punzen sind schon eine Wissenschaft für sich und bei weitem nicht so genau dokumentiert wie in London. So galten Jahresbuchstaben schon mal für mehrere Jahre, die Form der Harfe änderte sich oft und es liefen auch mal Formen parallel. Stücke aus der Mitte des 18. JH haben oft keinen date letter (und man weiß nicht einmal sicher, warum!) Aus der Zeit vor 1784 hat man zwar die Buchstaben der makers mark auf Metallplatten erfasst und im Assay Office ausgehangen, nicht aber den dazu gehörigen Klarnamen. Wobei langjährig aktive Master, wie auch etwa in London, mehrere Marken eintragen ließen. Was bei der zeitlichen Einteilung ihrer Stücke manchmal hilft.

Ich finde diese im Vergleich zu London verständlicherweise leicht chaotische (aber bei Missachtung empfindlich strafbewehrte) Punzierung immer noch wertvoller (weil zentral gesteuert) als die in unseren Breitengraden übliche. Gucken Sie sich nur die vielen weißen Flecken alleine beim hocherforschten Augsburger Silber an ... 

In den letzten Jahrzehnten hat man viele Rätsel entschlüsselt und einiges an Literatur steht zur Verfügung: 

Für altes Silber aus Irland werden hohe Preise gezahlt. Der preisliche Aufschlag gegenüber Londoner Silberwaren ist umso größer, je älter ein Stück ist. So gesehen könnte es schon reizvoll sein, eine alte Londoner Schale umzustempeln und sie für Dublin auszugeben. 

Es sei mal vorab erwähnt, dass Peter Ashley-Russell (s.o.) offensichtlich nicht ein einziges Stück aus Dublin in Angriff genommen hat.

Da ein fast schon neurotisch misstrauischer Herr aus Irland die folgende Schale als „Fälschung“ bezeichnet hat (allerdings ohne jeden schlüssigen Beleg) beschloss ich, mal intensiv zu recherchieren. 

1708/09   David King   Dublin 

15,5 cm Durchmesser, 10 cm hoch, 422 Gramm

Gehen wir systematisch vor: Die Stempel sind für David King, Meister von 1690 bis zu seinem Tod 1737, Master of the Company of Goldsmiths 1699/1700 und Unterhausmitglied (Sherrif) in Dublin. Nach ihm wurde die King Street (South King Street) in Dublin benannt.

Außerdem trägt die Schale die Stempel Dublin 1708/09.

Ich finde diese Stempel in den beiden Büchern oben, im Jacksons, auf einem Exemplar von John King in der Collection at the Sterling and Francine Clark Art Institute, auf einer Kaffeekanne von 1706 und anderswo.

Vor allem aber habe ich die Schale zu einer fast schon "heiligen Institution" zur Prüfung geschickt und sie beim Assay Office der Goldsmiths Company (Innung) in London einem spektrografischen Verfahren unterziehen lassen.

Dabei wurde klar belegt, dass das verwendete Silber für alle 3 Teile mit einer über 90%igen Wahrscheinlichkeit aus der Zeit vor 1700 stammt. Also alt genug ist für eine Schale, die 1708/09 gepunzt wurde.

Außerdem ist die Legierung 925er Silber.

Klar, theoretisch kann es sein, dass jemand 

-      eine alte Londoner Schale aus uraltem 925er Silber nimmt,   

-      dann aus uraltem Silber einen neuen Boden fertigt und diesen NAHTLOS! einsetzt, 

-    dann den Standring anlötet und dem Lötsilber die passende Optik / Farbe verpasst,

-    dann 3 aufwändige Stempel fertigt für John King, Dublin 1708/09

-      wenn alles gut geht, bekommt er für den Aufwand von einem arglosen (oder überehrgeizigen)  Sammler ein paar Tausend Euro - immer mit dem Risiko, in den Knast zu gehen. Da verstehen weder Engländer noch Iren Spaß.

Leuchtet mir jedenfalls nicht ein. Zumal an dieser Theorie noch ein weiterer Haken ist aus meiner Sicht:

Wie die Analyse gezeigt hat, ist die Schale komplett aus 925er Silber. Der Standard in London von 1697 – 1720 war aber 958er Britannia Silber! In Dublin dagegen durchgängig 925er. 

Von vor 1697 finden sich diese Art Schalen nicht. Ein Fälscher müsste also eine Londoner Schale von nach 1720 genommen haben. Londoner Sterling Schalen nach 1720, die ich in der Literatur oder auf dem Markt finde, haben aber schon einen Fuß. Hier ein Beispiel:

https://www.acsilver.co.uk/shop/pc/Sterling-Silver-Bowl-Antique-George-I-41p8522.htm

Flach auf einem Ring wie meine Schale stehen nur die älteren Londoner Schalen (die ja dann 958er sein müßten)  – und bis weit ins 18. JH hinein die Iren! 

Zum Beispiel zu sehen bei dieser Schale aus Dublin, 1713/14 auf Seite 105 in dem schon oben erwähnten Buch über die Clarke-Sammlung. 

Ich habe also keinen Grund, ernsthaft an der Authentizität der Schale zu zweifeln. 

Die Schale trägt außerdem ein schönes Wappen der Familien French und Caulfield (Zertifikat liegt vor!)

Anläßlich der Hochzeit von William John French (28.12.1812 - 24.12.1876) of Ardsallagh, Navin im County of Meath und Harriet Anna Caulfield (gest. 27.2.1890), Tochter von James Caulfield of Drumcaire im County Tyrone und Enkelin des 2. Baron of Mote Park im County Roscommon. Die Hochzeit fand statt am 24. Juni 1837. William diente im Jahre 1862 als High Sheriff of Dublin.

Irischer kann ein Wappen kaum sein!

Und bevor jetzt jemand auf die Überlegung kommt, dann könnte die Schale ja auch erst 1837 gefertigt worden sein: Weder Stil noch Form waren da üblich. Dagegen die Gravur eines Hochzeitwappens auf einem alten Stück, dass entweder schon im Familienbesitz war oder ein Geschenk zur Hochzeit, durchaus! 

(Die Schale ist übrigens nicht mehr verfügbar)