Teekannen des 18. und 19. Jahrhunderts

Neulich sagte ein Sammlerkollege zu mir:
"Unglaublich! Ich finde eher 20 super bullets als 1 perfekte George-III-Kanne"

Klassischer Sammler-Übertreibe-Sprech. Was er damit sagen war:
"Es ist einfacher, kugelförmige "bullet" Teekannen aus dem frühen 18. Jahrhundert in Top-Zustand zu finden, als perfekte Teekannen aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert."

Das stimmt. Obwohl letztere in viel größeren Mengen produziert wurden und bis heute überlebt haben. Bevor wir auf die Gründe näher eingehen, ein kurzer Ausflug in die Designgeschichte der englischen Teekanne. 

übrigens: die Kannen, die auch zum Verkauf stehen, finden Sie unter "Verkauf / For Sale - Teekannen"

Die eckige (meist oktagonale) Form bis ca. 1720 gehört heute zu den begehrtesten -

und leider auch teuersten - Sammelpobjekten.

1717   Jacob Margas   London

 

Die gängige Form für Teekannen in der ersten Hälfte des 18. JH war die kleine Kugel, die "bullet"

1733   Thomas Mason   London

Hier ein richtig gutes Exemplar: Gute Proportionen, Scharnier perfekt, schönes Wappen.

Mit Rococo-Verzierungen.

1746   Henry Brind   London

 

Birnen (pear) -Form, nur kurz modern, etwa 1760 bis max 1780

Meist schlicht. Hier aber in fantastischer Ausführung im neoklassizistischem Adam-Stil.

1777   William Collings   London

  Alle Kannen oben haben gemeinsam, dass der Korpus aus massivem Silber gehämmert wurde. Und die Kugelform (bullet) ist ja von Natur aus sehr robust - beides optimale Voraussetzungen, auch bei regelmäßigem Gebrauch die Jahrhunderte gut zu überstehen.

Um 1770 herum änderte sich das Produktionsverfahren u.a. für Teekannen drastisch. Durch die Erfindung der Walzmaschine konnte Silber zu flachen Platten gewalzt werden, aus denen die Teile für die neue Kannenform ausgeschnitten und dann zusammengelötet wurden. Oft wurde der Korpus aufwändig gefaltet und verziert/graviert.

Die Vorteile für den Silberschmied waren überwältigend gegenüber der klassischen Methode, bei der er mit dem Hammer den Korpus treiben musste: Er sparte eine Menge Arbeitszeit und viel Material. Dadurch konnte er deutlich billiger produzieren.

Ich verurteile das nicht. Es gibt Silberkunststücke, die bewundere ich wegen der Handwerkskunst des Silberschmieds und der Solidität des Materials. Andere wegen der Leichtigkeit und Eleganz des Designs - und dazu gehören die erstklassigen George III - Teekannen. Sie gehören zu meinen Lieblingen!

Die neue Technik erlaubte neue Designs und neue Zier. Als Verzierung dienten Perlränder und Gravuren. Erstklassige Graveure waren gefragte Spezialisten!

1775   William Hancock + John Rowbotham   Sheffield

Kannen in dieser Form (can shape) wurden nur ein paar Jahre produziert. Selten so aufwendig.

  Schon etwa 1780 setzte sich die ovale Form durch und sollte dann rund 25 Jahre einheitlich den Ton angeben - wenn auch in vielen (oft eckigen) Varianten. Mit einem Fassungsvermögen von meist einem knappen Liter.

1784   Fogelberg + Gilbert   London

Bis etwa Mitte der 1780er Jahre findet man noch diese sehr aufwändige Verarbeitung mit Perlrand.

Immer noch keine kompletten Service - aber immerhin habe ich mal eine Teekanne mit passender Teedose gefunden.

Durch die sehr deutliche Reduktion der Teesteuer 1783 mit dem Ende des amerikanischen Revolutionskrieges wurde Tee auch für breitere Bevölkerungskreise erschwinglich - da kam die günstigere Produktion von silbernen Teekannen doch gerade richtig.

Die Perlränder verschwanden, die Verarbeitung des Korpus wurde schlichter - aber dafür bei den Top-Exemplaren die Gravurarbeiten sensationell.

1789   B. Montigue   London

 An der Kanne oben erkennt man schön das grundsätzliche Produktionsverfahren. Gebogenes und verlötetes Walzsilber formt den Korpus. Unten wird ein Boden eingelötet. Oben ein Rahmen für den Deckel und ein Deckel mit einem Scharnier eingesetzt.

Die Gravurarbeiten an dieser Kanne sind aufwändig und erstklassig - einschließlich einem Wappen - und nicht blind poliert! Das macht eben den Unterschied.

Der beschriebene Produktionsprozess erklärt, warum es so schwer ist, solche Kannen heute ohne Reparaturen zu finden. Die Stabilität ist gut, kann aber natürlich nicht mithalten mit handgehämmerten Kugelformen.

Die Reparaturen sind in erster Linie Nachlötungen an den Nähten.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Die von mir angebotenen Kannen sind absolut alltagstauglich - auch nach über 200 Jahren. Wenn evtl. kleine Nachlötungen zu finden sind, dann sieht man sie von außen gar nicht oder nur mit geschultem Blick. Und ich weise darauf hin!

Es ist also sehr schwer, eine top-erhaltene, reparaturfreie, hochwertig verarbeitete und verzierte Teekanne dieser Art mit festem Original-Griff und passender Krone, mit intaktem Scharnier und ohne Monogramme, aber mit Wappen und in komplettem Zustand zu finden ...

 ... komplett?  Ja, komplett ist eine solche Kanne fast immer nur mit dem Original-Tablett.

 

Fast alle diese Kannen wurden mit einem kleinen Tablett ausgeliefert, dem sog. teapot stand zum Schutz der Holztische. Die Original-Tabletts sind leider meist verloren gegangen über die Jahrhunderte.

Nun geht es auch ohne Tablett oder mit einem anderen als dem Original. Sie erkennen hier aber schon, warum eine einzelne Kanne auf ebay schon mal für 800 € angeboten/verkauft wird, während für die wenigen erhaltenen Spitzenstücke mehrere Tausender auf den Tisch gelegt werden müssen. Hier sind ein paar:

Beginnen wir mit einer Besonderheit: Einem Service aus 5 Teilen mit passender Teedose!

1786    Vincent, Wakelin + Tayler und Touliet    London

 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war es absolut unüblich, ganze Service zu kaufen. Man kaufte bei einem Schmied/Händler eine Teekanne und beim nächsten irgendwann eine Kaffeekanne.

Erst um 1800 herum kamen komplette und aufeinander abgestimmte 3- und 4-teilige Service auf.
Somit dürfte dieses hier eines der ersten sein - zumindest eines der wenigen, die erhalten wurden.

Auch dieses Service besteht aus Einzelteilen, jeweils gefertigt von einem Spezialisten. Aber alle im gleichen Jahr gepunzt und dann alle mit gleichen, sehr hochwertigen Gravuren versehen. 

Ein sehr schönes Hochzeitsgeschenk!


Alle Stücke tragen ein Coat of Arms / Wappen, anläßlich der Heirat von

Charles Trelawny (1757-1820, Sohn von General Harry Trelawny) und Mary Hawkins (gest. 1852),

der Schwester von Sir Christopher Hawkins, Baron von Trewithan in Cornwall.

Die Hochzeit fand statt am 3. Juli 1789

 

 

Das nun folgende Service ist sicher eine Art "Blaue Mauritius":  

1791   Henry Chawner   London    

Mit passender Teedose. Alle Teile same maker, same year!

2 Körbchen für Zucker, Sahne, Konfekt.

alle Verzierungen noch scharf, Scharnier in Top-Zustand


3-Teiler findet man schon mal ab und zu

 1788   William Plummer   London

  

 1793   James Mince   London

 

Folgend einige der besten klassischen George III - Kannen auf Tablett, die ich je gesehen habe. Sie erfüllen alle Kriterien einer museumswürdigen Kanne (wobei ich mich schon ab und an mal wundere was es alles in auch renommierte Museen schafft.)

 1788   John Langlands II + John Robertson   Newcastle

Wappen und crest der Familie Foster aus dem County Fletham

Gesamthöhe ca. 18,5 cm (mit Tablett)  

ca. 1,3 Liter und ca. 779 Gramm

 1791   William Skeen   London 

Kanne ohne Tablett ca. 16 cm hoch,

ca. 1,2 Liter Fassungsvermögen und ca. 618 Gramm

 1792   George Brazier   London 

mit Original-Tablett 

  

Eine viel seltenere Form:

1791   Duncan Urquhart + Naphtali Hart   London

  

 Ziemlich genau um 1800 wurden die Formen der Kannen etwas weicher, pagoden - oder bootsförmiger.

Die gravierendste Veränderung: Der bis dahin gerade strenge Ausguß bekam Schwung. Ab 1810 verschwand das Tablett und die Kanne bekam Kugelfüße. Hier sehen Sie also eine der allerersten Kannen mit beiden neuen Merkmalen.

1799    Peter + Anne Bateman   London

 

Diese und die beiden folgenden Kannen stammen aus dem Hause von Hester Bateman und Ihrer Familie.

 mit passender Zuckerdose

 1800   Peter, Ann + William Bateman   London

 

 1805   Peter, Ann und William Bateman   London

 sehr aufwendige Verzierungen!

 

 Ab etwa 1805 etablierte sich für ein paar Jahre folgende Form, durchaus gängig als 3er Set.

1805   Urquhart + Hart   London

 

 Kannen mit zumindest teilweise handgetriebenem Korpus gab es zu der Zeit auch noch im "Queen Ann - Stil"

1802   Robert + Samuel Hennell   London

 

Nicht nur die Engländer hatten zu der Zeit wunderschöne Teekannen:

1813   Peter Terpager Hagen   Kopenhagen

Direkt aus dem Herrenhaus von Schloss Sophiendal der Familie von Baroness Rosenkrantz

Ziemlich einmalig mit dieser Art Tablett .

 

George III. regierte (zumindest offiziell) bis zu seinem Tode 1820. Da er aber nicht mehr ganz helle war in seinen späten Jahren, hat sein Sohn schon ab 1810 die Geschäfte als Prinz Regent geführt. Nicht nur, aber auch wegen ihm änderte sich die Stilrichtung hin zu pompös und verschnörkelt. Typische, wenn auch sehr seltene

Regency-Kannen  sind diese hier:

1810   Robert + Samuel Hennell   London

Extrem selten: Mit Tablett!

 

1822   Thomas + John Settle   Sheffield

sehr aufwändige Verarbeitung!

 

Wer "verschnörkelte" Kannen mag, der wird fündig in der Regency- / George IV - Periode und der folgenden kurzen Regierungszeit von William IV (bis 1837)   

1825   Charles Murray   Edinburgh

 

Das viktorianische Zeitalter bringt in Bezug auf Teekannen 2 gravierende Änderungen:

  • Während es für alle Phasen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts "typische" Kannenformen gab, ist das Angebot ab dem 2. Drittel des 19. Jahrhunderts sehr vielseitig in Form und Design - aber dadurch eben kaum "typisch". Der Reichtum im Mutterland des englischen Weltreichs in Verbindung mit der industriellen Herstellung machte aus Tafelsilber auch ein kleines "Massenphänomen" - was der Qualität nicht immer sehr zuträglich war. Und wenn die Produktion für den mainstream gedacht ist, dann ist das für kreative Designer auch nicht gerade eine Hochzeit.
  • Einzelkannen gab es recht wenige. Es wurden überwiegend Service hergestellt und gekauft. Üblich waren 3-teilige Service mit Teekanne, Zuckerschale und Milchkännchen oder 4-teilige mit zusätzlicher Kaffeekanne.

wenigstens ein bisschen typisch für das späte 19. Jahrhundert

 

Ansonsten ist es wie in der Mode: Alles kommt wieder ... 

beide Kannen um 1880

100 Jahre später wird die Grundform des späten 18. Jahrhunderts noch einmal populär und es entstehen optisch und auch qualitativ anspruchsvolle Alternativen zu den klassischen George III - Kannen.