Englische Tee- und Gebäckdosen des 18. und 19. Jahrhunderts

 Teedosen gibt es etwa seit 1700. Gebäckdosen (biscuit barrels) kamen erst im 19. Jahrhundert.

Wobei die Grenzen fließend sind, denn ob eine Dose eher als Teedose oder als Keksdose verwendet wird, liegt ja letztendlich nur an der Größe.

Beginnen wir mit den Teedosen:

Übrigens: die Teedosen, die auch zum Verkauf stehen, finden Sie unter "Verkauf / For Sale". 

Ausschnitt aus einem Bild von Josef von Aken um 1725

Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Geschichte Englands sich wiederspiegelt in der Geschichte des Tees dort. Weltgeschichte, Handelsgeschichte, Gesellschaftsgeschichte und die Geschichte des (Industrie-) Designs.

Handelskosten, Steuern (und der dazugehörige Vermeidungs-Schmuggel), Standesdünkel - all das beeinflusste den sehr hohen Preis für Tee im 18. Jahrhundert.

Ich möchte der zahlreichen Literatur zu diesem Thema kein weiteres Pamphlet hinzufügen. Einen übersichtlichen und ohne fortgeschrittenes Englischstudium zu lesenden Artikel finden Sie hier:

https://www.tea.co.uk/a-social-history

Obwohl Tee als Getränk in England schon in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts populär wurde, sind Teedosen eine Entwicklung des frühen 18. Jahrhundert. Das ist auch irgendwie logisch, denn zunächst genoss man Tee auswärts in Coffee Houses. Da brauchte man keine kleinen Teedosen. Erst später fanden in den besseren Kreisen Teeparties in den eigenen 4 Wänden statt.

Wer sich Tee leisten konnte und auch noch das dazu benötigte Equipment für Zubereitung und Servieren aus Silber, der hatte es geschaftt - und zeigte das auch. 

ähnliche Stücke sehen Sie auf dem Bild oben

 

1702   Simon Pantin   London

 Die Fachliteratur führt die ältesten erhaltenen Teedosen ab 1708.

Ich habe bisher auch keine englischen Teedosen aus dem 17. Jahrhundert finden können.

Somit sind diese hier von 1702 wohl die ältesten erhaltenen überhaupt.

 

 

Die eckige Form war typisch für das frühe 18. Jahrhundert.

Oder diese ovale Form.

Der abnehmbare Deckel dient der Dosierung des Tees bei der Zubereitung.

1729   John Newton   London

in einer verzierten Version aus den Anfängen des Rococo, 

auch  John Newton  1738   London

 Die heute noch übliche Unterteilung in "Grünen Tee" und "Schwarzen Tee" kam schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf, weshalb tea caddies auch als Paare gefertigt wurden.

Der Begriff tea caddy stammt übrigens ab vom Malaiischen Wort kati, einer Maßeinheit für Tee.

Als Sammler ziehen mich Paare besonders an, zumal nur wenige die Zeit überdauerten. Auch wenn sie als Paar das Licht der Welt erblickten - so wurden sie doch meist wieder getrennt im Laufe der Jahrhunderte. Für die guten Stücke beobachte ich auch seit Jahren einen Preisanstieg. Ein schönes Sammelgebiet in jeder Hinsicht.

Die Krönung sind Sets aus 3 Dosen. 2 Teedosen und eine, meist etwas größere Dose für Zucker. (Zucker war im 18. Jahrhundert ein Luxus-Lebensmittel.) Diese Dose wird auch manchmal als mixing-bowl beschrieben. Also als eine Dose, in der man sich seine eigene Teemischung mischen konnte.

Eine kleine Geschichte, die das Sammlerleben schreibt:

Ich finde das Paar Teedosen wie unten abgebildet und bin sehr happy, vor allem nach der Identifizierung des Wappens. Dann fahre ich nach Maastricht zur TEFAF - ein bisschen ehrfürchtig staunen über schöne Kunst. Bei Shrubsole aus New York sehe ich ein ähnliches Päarchen mit passender Zuckerdose. Ok, mit Box - aber die aufgerufenen 35000 Dollar sind ja auch nicht schüchtern.

https://shrubsole.com/products/a-set-of-three-george-ii-antique-english-silver-tea-caddies-in-shagreen-case

Ich denke noch, Mensch, ich werde doch wohl auch mal so etwas finden. Im Auto auf dem Weg zurück von Maastricht (!) geht das Telefon. Die Kollegin aus England, von der ich das Paar habe: Die Familie, aus deren Besitz sie das Paar Teedosen habe, hätte sich gemeldet. Man "habe noch eine 3. Dose gefunden" - die Zuckerdose! Dann kam die nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob ich die auch haben wolle - und ob ich wollte!

 1753   Samuel Taylor   London

Die Befüllung durch den herausziehbaren Boden erlaubte das

aromaschonende "First in - first out"-Prinzip

Das obige "Dreigestirn" würde ich aus verschiedenen Gründen als "perfekt" bezeichnen:

  • Original-Set in Top-Zustand
  • Alle Teile perfekt gepunzt, "ordnungsgemäß" (siehe Thema duty dodger) an Körper, Boden und Deckel.
  • Identifiziertes Wappen auf Vorderseite und crest auf dem Deckel.

Das Wappen wie auf den Teedosen findet sich oben an der Spitze der Ehrentafel (Bild unten)

 Certificate of Identification würde bei Kauf mit geliefert:

These armorial bearings undoubtedly commemorate the marriage of William Burrell Massingberd (baptised 5th May 1719 died 18th August 1802), of Ormsby Hall, South Ormsby, near Louth in the County of Lincolnshire and Anne Tancred Dobson (born circa 1722 died July 1759). William and Anne were married on the 26th August 1746 at the Parish Church of All Hallows, Tillington in the County of Sussex. William was the eldest son of Burrell Massingberd and Philippa Mundy, daughter of Francis Mundy, of Markeston Hall in the County of Derbyshire and of Osbaston in the County of Leicestershire; whilst Anne was the daughter and heiress of William Dobson, of the City of York and his wife, Elizabeth Tancred, daughter of Christopher Tancred, of Whixley in the County of Yorkshire. William succeeded to the family seat of Ormsby Hall and other estates on the death of his father in 1728 whilst a young child.

He rebuilt Ormsby Hall in the Georgian style in the 1750s and went on to serve as the High Sheriff of Lincolnshire for the year 1745. William and Annes marriage produced seven children, two sons and five daughters.  
       

Ihr Heim "Gunby Estate" gehört heute zum National Trust

und kann besichtigt werden.

 

The Monument to William Burrell Massingberd and his wife Anne Tancred Dobson and other members of their family at St. Leonards Church, South Ormsby, Co. Lincolnshire.

 

St. Leonard´s Church, South Ormsby

 

 Aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der Zeit des Rococo, existieren noch relativ viele 3er sets.

1762   Lewes Herne + Francis Butty   London

Das mag damit zusammenhängen, dass diese oft in verschließbaren Boxen gelagert und damit geschützt wurden.

Foto geliehen von KoopmanRareArt

Verschließbar, weil Tee so teuer war - den Schlüssel hatte die Chefin.

 Ab etwa 1770 wurden die Teedosen selbst mit einem Schloß versehen.

 1796   Peter, Ann + William Bateman   London

 

Das neoklassizistische Design zum Ende des 18. Jahrhunderts war abgestimmt mit den parallel

hergestellten Teekannen - auch wenn der Verkauf weiterhin meist gesondert erfolgte

und nicht in Form kompletter Service.

 

1784   Fogelberg + Gilbert   London

Ein seltenes Paar!

 

 3 neoklassizistische Grazien:

1793   John Denzilow                           1791 Henry Chawner                         1792   Robert Hennell

 

Eine Besonderheit um die Jahrhundertwende waren diese Doppelkammer-Teedosen. Echt praktisch.

   
1798   John Langland   Newcastle  

2 durch eine Mittelwand getrennte, gesondert verschließbare

Kammern - z.B. eine für Schwarztee, die anderen für Grüntee.

 

 Wer gerne stark verziertes Silber mag, der wird auch bei Teedosen wunderbare Stücke finden aus der Zeit des "Regency", also etwa 1810 bis einschließlich William IV, also etwa 1840.

1821   William Elliot   London

sehr aufwendige Treibarbeiten und gegossene Aplikationen

 

 Die beiden Teedosen von

1833   Charles Fox   London

sind ausgesprochen feine und große Exemplare (19 cm hoch, zusammen 1,2 kg) -

und zur Größenansicht dürfen Teedosen auch mal neben einer Kaffeekanne stehen. Ist ja immerhin die Kaffeekanne von Earl Grey - und der hat genug für den Tee getan.

 

Ab dem frühen 19. Jahrhundert wurden mehrteilige Teeservice üblich, manchmal auch gleich mit Teedose (links).

1859   Martin + Hall   Sheffield

 Ein durchgängiges wiederkehrendes Motiv sind Chinoiserie-Elemente. Dieses Design stammt ursprünglich aus der Zeit von Paul de Lamerie. Es wurde immer wieder einmal aufgelegt, sogar in Hanau um 1900 herum.

   

hier von George Fox, 1858 London

   

 

1868   Charles Boyton   Sheffield

 

1877   William + Henry Stratford   Sheffield

 

Teedosen aus Hanau. Im Design eher putten-lastig - aber handwerklich meist gut gemacht.

                   Hanau um 1890             links eine sehr seltene 3-Kammer-Teedose

 sehr viele Teedosen wurden um 1900 in Hanau gefertigt und vor allem nach England exportiert

 

Diese meisten der nun folgenden Dosen werden auf Grund Ihrer Größe wohl eher für Gebäck benutzt werden: 

Alle Dosen stammen aus dem 19. Jahrhundert, zwischen 1821 und 1882.

Zur Orientierung: Die Dose ganz links ist 20 cm hoch und 26 cm breit.

  Hier ein paar Detailaufnahmen:

1856   Charles Thomas + George Fox   London

26 cm lang, 20 cm breit

   

Die Familie Fox hat immer Top-Qualität geliefert

 

Das gilt auch für die Barnards, siehe unten

   

1865   Barnard   London

 

1882   Barnard   London

 schon ein bisschen orientalisch angehaucht ....