Silber aus England bis 1760

Warum ausgerechnet bis 1760?

Weil zu dieser Zeit eine gewisse Zäsur erfolgte. Nicht nur der Übergang von George II. auf George III.
Die Zeit des Rococo neigte sich dem Ende entgegen, die Zeit der großen Hugenottischen Silberschmiede war vorbei und die maschinelle (Teil-) Fertigung begann ihren Siegeszug.

Viele klassische Silberkollektionen gehen kaum über das Jahr 1760 hinaus.

gutes und schönes Fachbuch

Natürlich hat Silber in England eine längere Tradition als seit 1680.

Die Bedeutung von repräsentativem Tafelsilber in früheren Jahrhunderten als Zeichen von Stand und Wohlstand wird wunderbar deutlich durch einen Eintrag in einem der wichtigsten kulturhistorischen Dolumente über das 17. Jahrhundert in London - dem Tagebuch des Samuel Pepys.

Am Abend des Jahres, in dem das "Great Fire" halb London zerstörte und gerade ein Jahr nach der verheerenden Pest, bilanziert er am 31.12.1666:

Samuel Pepys

"Die öffentlichen Angelegenheiten in einem höchst traurigen Zustand; die Seeleute durch fehlende Löhnung entmutigt ... kann nächstes Jahr keine Flotte auslaufen. Unsere Feinde, die Franzosen und Holländer, obenauf und werden es noch mehr durch unsere Armut. Das Parlament im Rückstand mit der Gelderhebung ... der Wiederaufbau der City immer weniger wahrscheinlich ... Ein unverbesserlicher, lasterhafter Hof, und alle vernünftigen Männer dort in Angst vor dem Zusammenbruch des ganzen Königreichs im nächsten Jahr, wovor Gott uns bewahren möge!

Etwas Bemerkenswertes an meiner Lage ist, dass ich jetzt so eine Fülle an gutem Tafelsilber habe, dass bei allen Gastlichkeiten ganz auf Silbertellern serviert werden kann, ich habe zweieinhalb Dutzend."

Also: Geht die Welt auch unter, genießen wir unser schönes Tafelsilber ;-)

Das meiste Silber wurde schon immer in London geschmiedet und gepunzt. Man unterscheidet aber auch deutlich nach Irischem Silber und Schottischem Silber. Auch in Birmingham und Sheffield waren große Produktionstätten.

London hat immer versucht, alle Silberschmiede aus ganz England zu zwingen, ihre Waren dort zur Prüfung vorzulegen.

Big Brother is watching you!

 Das war für die Provinzler natürlich mit riesigem Reiseaufwand und Gefahren verbunden, weshalb diese grundsätzlich bestrebt waren, eigene Punzämter "nearby" zu haben. Deshalb gab es in früheren Zeiten etliche Assay Offices "in der Provinz". Liverpool, Leeds, Plymouth, York, Exter, Dorchester und andere.

(Eine gute Fachlektüre zu provinziellem Silber ist "Old Country Silver" von Margaret Holland.)

Auf hallmarked (gepunztes) Silber fielen ab 1719 Steuern an. Das war noch ein Grund, sich den Weg zu "sparen". Dann wurde 3 x das Namenszeichen gepunzt und fertig war die Laube. Diese Art der "steueroptimierten" Silberstücke, duty dodger genannt, findet man auch aus London. Näheres dazu unter "PREISWERT kaufen"

Aus frühen Zeiten gibt es naturgemäß sehr wenig "überlebendes" Silber. Von über 800 Werken aus der Inventarliste der Schatzkammer vo

Heinrich VIII.

existiert nur noch ein einziges: der Royal Gold Cup im British Museum. Und der ist aus Gold und eigentlich Franzose.

Es gibt eine Inventarliste von 1601 in Hardwick Hall, einem der großen alten Herrenhäuser in England. Die meisten der dort aufgeführten Möbel und Bilder gibt es heute noch. Von den dort gelisteten Silberwaren existiert kein einziges mehr.
Typisch.

Hardwick Hall

  3 Hauptgründe gibt es, warum zu allen Zeiten Silber eingeschmolzen wurde:

1) Tafelsilber wurde in schweren Zeiten "versilbert", also zu Münzen umgeschmolzen. Oft auf Anweisung der Herrscher, die ihre klammen (Kriegs-) Kassen auffüllen mussten.

2) Die Stücke waren aus der Mode gekommen und wurden zu modernem Tafelsilber umgearbeitet. Die alten Sachen waren vom Design her einfach nicht mehr "En Vogue". Man wollte aber zeigen, dass man sich Silber "nach dem letzten Schrei" (dernier cri) leisten konnte. Die gewählten französischen Begriffe sind kein Zufall; Paris war immer das große Vorbild bei Stil und Etikette.

3) Die Zeiten hatten sich einfach geändert. So spielten zum Beispiel Salieren / salts im 16. JH eine große gesellschaftliche Rolle, als Salz noch sehr teuer war. Da standen große Salieren beim Gastgeber und für die Anerkennung war es wichtig, als Gast nicht zu weit "below the salt" zu sitzen. Sonst war man nicht "worth one´s salt".

Saliere Elizabeth I.

 Neben Kirchensilber gibt es vor allem Löffel aus der Zeit. Sie wurden vererbt, wenn jemand "den Löffel abgab".

Gabeln waren zu der Zeit noch nicht in Gebrauch. Man hatte ein Messer zum schneiden und Finger zum essen. Und einen Löffel eben. Der einfache Mann aus Holz. Die Reichen aus Silber.

Im Silberbergwerk St. Annaberg bei Braunlage kann man erfahren, dass um 1715 herum folgende Arbeitsleistung erbracht werden mußte, um sich 100 Gramm Silber leisten zu können - das sind etwa 2 Löffel: 13 Wochenlöhne eines Obersteigers, 20 Wochenlöhne eines Bergmanns und 34 Wochenlöhne eines Karrenläufers. In England war es wohl ein bisschen weniger - aber immer noch genug!

In besseren Kreisen wurde man "mit einem silbernen Löffel im Mund geboren". Besonders beliebt und heute hoch gehandelt sind die sog. Apostel-Löffel. Am oberen Rand des Stils sind
Apostelfiguren.
Weltweit sind aus der ersten Hälfte des 16. JH nur noch 2 komplette Sets, bestehend aus 13 Löffeln (12 Apostel + Jesus) bekannt. Eines davon ist im British Museum in London ausgestellt.
Eine weitere Version hatte Siegel an Stelle der Apostel.

 

 Die Tudors

   

James I.
1603 - 1625

 

Charles I.
1625 - 1649

Aus dem 17. Jahrhundert ist die Auswahl auf dem Markt schon ein bisschen größer.

Porringer, tazzas, tankards, ...

   

Sorry für den Bilderklau bei Shrubsole in New York ...

 

... aber ich kann mir keine eigenen leisten.

Karl I. (Charles) hatte sich einfach zu viele Feinde gemacht mit seinem Alleinherrschaftsanspruch, so dass viele nach seiner Enthauptung erst einmal die Nase voll hatte von Königinnen und Königen. So kam es zu einer einmaligen Periode ohne gekrönte Häupter - die Zeit des Commonwealth, 1649 bis 1660, geprägt durch

Oliver Cromwell

  Aber ohne Krone können die Engländer am Ende doch nicht leben.
Also setzte man 1660 den Sohn vom geköpften Karl ein als

Charles II.
1660 - 1685

 Dessen größte Tat aus Sicht der Silbersammler war wohl seine Hochzeit mit Katharina von Braganza aus Portugal. Denn sie brachte den Tee an den Hof - und setzte damit auch die Entwicklung des Silbergeschirrs in Gang.

Auf ihre Bitte nach einer Tasse Tee antwortete Karl:

"We don’t drink tea in England.

But maybe some ale will do?"

Da musste sie wohl aktiv werden.

 Das 17. Jahrhundert wurde abgeschlossen von 

   

James (Jakob) II.
1685 - 1688

 

William + Mary
1689 - 1694

Mary starb schon 1694 an den Pocken und er machte alleine weiter als     

William III 1694 - 1702

 

1699   John Smith I   London   cup + cover

Das gerippte Design nennt man auch Queen Anne Stil, obwohl diese erst etwas später Königin wurde. Das Design "um die Zeit von Queen Anne herum".

Es wurde alle rund 100 Jahre wieder populär. So finden wir jeweils gleich zu Beginn des 19. und 20. Jahrhunderts etliche z.B. Kannen, bei denen meist der untere Teil diese typischen Rippen aufzeigt.

 Queen Anne
1702 - 1714

In ihre Amtszeit fiel 1707 der Act of Union, der offizielle Zusammenschluss von England und Schottland.

Ich hätte Schottland auch genommen!

 Somit war sie die letzte Englische Königin und das erste Oberhaupt des United Kingdom, des vereinigten Königreiches Grossbritannien.

Sie war allerdings auch die letzte aus der Dynastie der Stuarts, denn trotz 18 Schwangerschaften (!!) mit vielen Fehl- bzw. Totgeburten hinterließ sie bei ihrem Tod 1714 im Alter von 49 Jahren keine Nachkommen . Von den lebend geborenen Kindern überlebte nur eines das 1. Lebensjahr. Heute unvorstellbar - und das bei Königs!

Das wahrscheinlich älteste Paar Teedosen.

1702   Simon Pantin   London

 

1704   Richard Syng   London

Milchkännchen mit Wappen von Thomas Willington (13. Juni 1674 - April 1718)

of Hurley in the County of Warwickshire

   

1712   Edward Yorke   London

Wappen der Familie Portal, of Ash Park, Overton in the County of Hampshire

   
     

 

"Herrengedeck"

Becher 1725        Kaffeekanne 1731        Tablett 1730        Tabackdose 1697

 Nach ihrem Tod passierte etwas ziemlich skuriles: Die Engländer wollten unbedingt die Thronbesteigung eines Katholiken verhindern. Um einen Protestanten in der Erbfolge zu finden, beriefen sie einen Ausländer auf den Thron, der kaum ein Wort Englisch konnte, nicht in England leben wollte und auf der Thronfolgeliste unter "ferner liefen" (Platz 58) geführt wurde.

George I.
1714 - 1726

 Das nennt man wohl Pragmatismus ...

Nach ihm, dem Hannoveraner und seinen Söhnen, wird das georgian silver benannt. 

1717   Jacob Margas   London

 

   

1924   William Paradise   London

 


 

hier mit großem quart-mug von 1751, Irischer tazza c. 1750 und half pint mug 1719

 

 In die Zeit seiner Regentschaft fiel eindeutig ein Höhepunkt in der Geschichte der Silberkunst.

George II
1726 -1760

 

1727/28       Teedosen und Leuchter         von James Gould   London        

 

1733   Thomas Tearle   London

  

1734   David Willaume   London  

Zuckerstreuer   18 cm hoch

 

Teedosen siehe "Spezial"

1742   Robert Gordon   Edinburgh     

 Wappen anläßlich der Heirat von Charles Spearman of Thorney-Hall (1728-1763)
mit Margaret Young, der Schwester von William Young, dem Governor von Tobago.

Mit 1,75 Litern Fassungsvermögen einem Gewicht von 946 Gramm bei einem Durchmesser von 17 cm die wahrscheinlich größte Teekanne dieser Zeit. Laut den Recherchen von Lyon + Turnbull in Edinburgh die wahrscheinlich
größte schottische Teekanne des 18. JH überhaupt.

Unten ein Vergleichsbild mit bullet teapots aus der gleichen Zeit in der "normalen" Größe.

1746   Henry Brind    London                                                         1733   Thomas Mason   London

 

1743   Gabriel Sleath    London

25 cm hoch    1077 Gramm  
Wappen der sehr bedeutenden Familie Lloyds of Dolobran, of Meifod / Montgomeryshire

 

3 x Isaac Cookson   Newcastle                 1747 und 1744 und 1740

  

1760   David Bell   London

 

1760  Thomas Whipham II. + Charles Wright    London

28,5 cm hoch   1216 Gramm

Schokoladenkannen haben abnehmbare Krone. Durch das Loch wurde vor dem

Gießen der Kakao noch einmal mit einem Stab (meist Holz) gerührt. Der Kakao zu

der damaligen Zeit war kein "Instant Nesquick", sondern eine ziemlich fette Masse.


ROCOCO

  Über den Begriff "Rococo", zusammengesetzt aus den beiden französischen Wörtern Rocaille, ‚Stein‘ und coquilles, 'Muscheln', läßt sich trefflich streiten. Einigen wir uns erst einmal darauf, dass Rococo "verziert bis verschnörkelt" bedeutet, während "schlicht" eben "ohne große Schnörkel" ist.

Die klassische Phase des Rococo liegt etwa zwischen 1730 und 1770.  Arthur Grimwade definiert sie in seinem Buch "Rococo Silver" von 1727 - 1765.  Man bezeichnet diese Zeit auch als das "Französische Rococo", um es abzugrenzen zu einer weiteren Rococo-Phase in den ersten viktorianischen Jahrzehnten, etwa 1830 bis 1860.

Achtung: Viele schlichte georgianische Kannen wurden im 19. JH nachträglich verziert.

Die Originalverzierungen des French Rococo erkennt man u.a. daran, dass die Blumen kleinblättriger sind als im 19.JH. Man muss auch darauf achten, dass Punzen am Korpus über die Verzierung gehen. Geht die Verzierung um die hallmarks herum, dann liegt der Verdacht der späteren viktorianischen Geschmacksanpassung nahe.

"Französisches Rococo" hieß die Phase vor allem, weil es die Nachfahren der aus Frankreich nach London vertriebenen Hugenotten waren, die diesen Stil prägten. Von Paul de Lamerie über Paul Crespin bis Péze Pilleau.
Viele Verzierungen des French Rococo in England sind unverkennbar. Von asymetrisch bis grotesk. Schaut man sie an, dann kann man gut nachvollziehen, warum diese Stilrichtung viele Kritiker hatte.

Von "lächerliches Chaos" bis "verwahrlost" reichten die Urteile.

ca. 26 cm hoch  

  

2 Schokoladenkannen von Aimé Videau und Richard Bayley

beide gepunzt 1749 in London und jeweils 25 cm hoch

 Bei diesem Exemplar von Aimé Videau ist der ganze Deckel abnehmbar, was die Reinigung der Kanne erleichtert.

Schokoladenkannen erzielen deutlich höhere Preise als vergleichbare Kaffeekannen, weil sie noch seltener sind.

   

chocolate pot mit demontierbarem Deckel

 

feinstes Rococo

  

3 Rococo Grazien - alle über 32 cm groß

 

Ein Highlight der Rococo-Silberkunst mit exklusiver Provenienz:

Die Kaffeekanne von Earl Grey

Feinste Arbeit mit gegossenem Fuß. Sehr ungewöhnliche Krone in Form eines Blumenstraußes.

   

1757   Peze Pilleau   London

 

ca. 26 cm hoch und 961 Gramm schwer.

 Arms of the Sir Henry Grey, 2nd Baronet, of Howick in the County of Northumberland

Sir Henry Grey, the 2nd Baronet of Howick, the original owner of this coffee pot was baptized on the 15th November 1722, he was the son of Sir Henry Grey, (baptized 4th December 1691) the 1st Baronet of Howick (created within the Baronetage of Great Britain on the 11th January 1746) and Hannah, daughter of Thomas Wood, of Falloden in the County of Northumberland. The Greys were a well established gentry family in the North East of England centred upon their home county of Northumberland from the 14th Century onwards. The 2nd Baronet served as Member of Parliament for Northumberland from 1754 to 1768. He succeeded his father in the baronetcy of Howick on the 6th May 1749. When he himself died unmarried on the 30th March 1808, his nephew, Charles, the 2nd Earl Grey (born 13th March 1764 died 17th July 1845) succeeded him as the 3rd Baronet of Howick.

Dieser 2nd Earl Grey wurde später Premier Minister.

Nach ihm wurde der berühmte Earl Grey Tea benannt.

Wappen von Baron Grey of Howick

 

1767   John Carter   London