Allgemeine Informationen über Besteck

Die aktuellen Abgebote finden Sie in den Rubriken links. Starten Sie mit der Übersicht!

 "Es kommt eine Zeit im Leben, da genießt man das Essen in Gesellschaft noch mehr -

und dazu gehört ein edles Besteck."

Nicht für das schnelle Steh-Frühstück vor der Fahrt ins Büro. Und auch nicht unbedingt für die Pizza am Skatabend.
Aber am Wochenende, beim Frühstück mit Familie, Kaffeetafel mit Schwiegermutter oder Abendessen mit Freunden - da verleiht ein edles Besteck aus  massivem Silber zusätzliche Ruhe und Wertigkeit.

Besteck-Sets mit 7, 10 oder noch mehr Teilen pro Person sind eine recht neue Erfindung.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte jeder sein eigenes Messer dabei für alle Dinge des Alltags, also auch zum Essen. Außerdem einen Löffel. Die armen Menschen aus Holz, die wohlhabenden aus Silber. Bis sie ihn wieder abgeben mussten, den Löffel.

Gabeln ersetzten die Finger erstmals in den feinsten Kreisen Italiens im 16. Jahrhundert. Man vermutet, dass die Florentiner Familie Pucci die ersten waren. Da gab es große Widerstände, u.a. von der Kirche, die die damals 3-zinkige Gabel als Symbol des Teufels ansah.

Auch folgende Einstellung war noch verbreitet im 17. Jahrhundert:
"Unsere Mitglieder mögen von ihrem Tisch Gabeln und Löffel verbannen. Hat uns die Natur nicht 5 Finger an jeder Hand geschenkt? Warum sollten wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?"
Und Martin Luther werden gar die Worte zugeschrieben "Gott behüte mich vor Gäbelchen".

Die ersten kompletten Bestecke aus gleichem Design hatten wohl italienische Adels- und Kirchenkreise im 17. Jahrhundert.
Von dort schwappte diese Tischkultur langsam nach Frankreich und von dort brachte sie der englische Hofstaat nach seiner Rückkehr aus dem Exil unter Charles II im Jahre 1660 nach England.
Die Gäste mussten sich auch erst daran gewöhnen, dass sie nicht mehr ihr eigenes Esswerkzeug mitbringen mussten, sondern der Gastgeber welches bereit hielt.  

 Bitte beachten Sie auch die schönen Besteck-Kästen.

 

Sie finden bei mir folgende Besteckformen:

Jugendstil und Art Deco aus Skandinavien, vor allem von Georg Jensen und Evald Nielsen.

   

No 16  (Lilie) von Evald Nielsen

 

Bernadotte von Georg Jensen

 

"Baguette" aus Frankreich - wenn ich mal ein gutes finde ...

 

 Vor allem aber klassische Formen und Muster aus England, Irland und Schottland.

Die meisten dieser Designs sind "international", wurden und werden also nicht nur auf den Inseln gefertigt, sondern auch weit verbreitet auf dem Kontinent.

Sogar in den USA. Aber die Engländer und Iren sind mir die liebsten, wie unten ausführlich begründet. Es gibt viele verschiedene Designs, für jeden etwas.

Hier einige der gängigsten internationalen Designs. Schlichte Eleganz - ewige Klassiker! Sie werden heute noch produziert.

       

Hanoverian / Rat Tail

Das führende Design von etwa 1710 bis 1770

 

Fiddle / Spaten

Beliebtestes schlichtes Design im 19. Jahrh. Variationen sind Faden (Thread) und Muschel (Shell).

 

Old English

Seit etwa 1760 in verschiedensten Varianten im Einsatz, z.B. mit Perlrand oder der Feather Edge.

 Von fast allem gibt es auch verzierte Varianten

   

Fiddle, Thread + Shell

Ohne Muschel auch Augsburger Faden oder Alt Faden genannt.

 

Bead- oder Perlenmuster

 

COBURG               und               KINGS 

Wer es gerne schwerer und verspielter mag, der kommt bei der King´s Shape-Familie auf seine Kosten.

Mit den Designs King´s, Queen´s, Princess, Victoria, Albert und Coburg - und ungefähr 1 Mio Varianten.  

Oder mal ein bisschen ausgefallener? 

   

ALBANY

  LILY

 

 QUALITÄT VON BESTECKEN

Ein Besteckteil besteht immer aus einem Rohling und einem eingeprägten Muster. Muster nur auf der Vorderseite nennt man single struck, vorne und hinten ist double struck. Dazu ist mehr Silbersubstanz nötig. Double struck Besteckteile sind also meist schwerer als single struck.

Beim Rohling trennt sich der Spreu vom Weizen: Er kann handgeschmiedet sein oder gestanzt.

Hier SEHEN Sie den Unterschied. Dieses Video zeigt, wie Besteckteile per Hand geschmiedet werden:

https://Besteck handgeschmiedet

Das nächste Video zeigt, wie die Massenproduktion per Stanzmaschine läuft. (Es gibt noch viel automatisiertere Produktionsprozesse!)

https://Besteck modern gestanzt

Übrigens: Jeder aktuelle Hersteller von Besteck lässt seine Marketingleute von Handarbeit schwadronieren und stellt sich in Firmenvideos und - Broschüren als "Manufaktur" dar. Das hat aber nichts zu tun mit handgeschmiedetem Besteck. So stellt z.B. Robbe+Berking auf seiner Webseite die 150 Stunden Handarbeit heraus, die in einem Werkstück stecken - mit dem dann das gestanzte Walzsilber pressgeformt wird.

 Ich will hier wirklich nicht den Oberlehrer spielen. Trotzdem, es muss mal klar gesagt werden:

  • Sie bevorzugen moderne Designs, Art Deco / Jugendstil? Sie möchten Besteckteile, die erst im 20. JH richtig in Mode kamen, wie Fischbestecke, runde Suppenlöffel oder Kuchengabeln?
    • Dann brauchen Sie über das Thema nicht nachdenken, denn im 20. JH sind handgeschmiedete Bestecke eine extreme Ausnahme. Kaufen Sie dann Bestecke von Georg Jensen wegen der wirklich tollen Designs und der Wertbeständigkeit. Oder zumindest Ware aus 925er Sterling Silber. Mit Hilfe von Maschinen produziert, aber todschick - und machen auch satt.
  • Sie mögen die klassischen zeitlosen Designs wie Alt Englisch, Augsburger Faden und Spatenmuster in seinen Variationen? Oder die massiven "barocken" Muster?
    • Dann geben Sie bitte kein Vermögen aus für neue Stanz- und Pressware. Und seien Sie auch sehr wählerisch bei den ganzen 800er "Restposten", die den deutschen Gebrauchtmarkt überschwemmen. (Siehe mehr zu 800er in der Infothek unter "Preiswert einkaufen")
    • Gönnen Sie sich stattdessen handgeschmiedetes Besteck aus Sterling Silber aus London oder Dublin aus dem 19. Jahrhundert. Diese kosten bei objektivem Vergleich kaum mehr als viele gestanzte 800er bei ebay - aber immer noch viel weniger als neue von R+B+co. Manchmal muss man länger suchen - mach ich für Sie ;-) - aber dafür bekommt man sie mit Geschichte und Persönlichkeit! 
 

Bei einem englischen Besteck aus den Jahren vor etwa 1860 können Sie sicher sein, dass es handgeschmiedet wurde. Kommt es aus London, dann bis ins ganz frühe 20. Jahrhundert. Vor allem durch die Nachfolger von Chawner/George Adams. Also Holland, Aldwinckle + Slater. Auch von Josiah Williams (bis 1879 gepunzt in Exeter) und dessen Nachfolger Jackson + Fullerton.

In Sheffield wurden ab ca. 1860 große Mengen maschinell produziert. Damit erwuchs den Londoner Silberschmieden eine ungeahnte Billig-Konkurenz, gegen die sie sich u.a. mit einer Qualitätsoffensive zur Wehr setzten. Natürlich gab es "Schmutzbuckel" wie William Hutton, der maschinell in Sheffield produzierte und dann in London stempeln ließ. Aber deshalb kaufen Sie ja bei jemandem, der sich auskennt ;-) 

Handgeschmiedetes Besteck fühlt sich "anders" an und ist i.d.R. schwerer als maschinell gefertigtes Besteck. Und es hält ewig! Warum?

1) Bei der handwerklichen Schmiede wird das Silber während der Bearbeitung mit dem Hammer mehrfach "annealed", also wieder rotglühend erhitzt und dann im Wasser abgekühlt. Damit wird es während der Bearbeitung wieder geschmeidig gemacht - aber nach der Bearbeitung ist das Silber insgesamt fester als zuvor. Versucht man es zu biegen, verhält es sich wie eine Sprungfeder.

2) Maschinell gefertigte Bestecke werden aus gleichmäßig dick gewalzten Silberplatten gestanzt. Alle Stellen, z.B. der Löffelschale, sind somit gleich dick. Bei der Handschmiede dagegen wird darauf geachtet, dass der Löffel an den Rändern / Kanten und vor allem vorne besonders  dick ist. Denn das sind die strapazierten Stellen beim jahrzehntelangen Gebrauch. Wie der Herr im Video oben so schön sagt:

"The advantage of hand forging is primarily to make sure that you have got the silver where you need it most."

3) Die Verzierungen sind deutlich kräftiger / plastischer / 3-dimensionaler als bei Maschinenware.

   

Das Design "Bead" heute:

Nur angedeutete, eingepresste  "Perlen".

 

Das Design im 19. JH (unten): Jede Perle 3-dimensional, von außen sichtbar.

Da musste der Schmied ganz sauber arbeiten und viel Material verwenden.

Darüber eine schon leicht "abgespeckte" Version um die Jahrhundertwende.

Auch handgeschmiedet, gut und dick. Aber schon mit Steg außen.

 

 Es ist wie es ist: Die handgeschmiedeten Londoner Bestecke aus dem 19. JH sind die besten der Welt. Punkt.

Qualitativ ebenbürtig sind die Bestecke aus Dublin. Irisches Silber ist immer etwas Besonderes. Irgendwie auch romantisch. Durchweg Top-Qualität, aber selten. Erstens hatten die meisten Iren in der Mitte des 19. JH wirklich andere Sorgen als Tafelsilber. Zweitens überschwemmte billige englische Ware u.a. aus Birmingham den Markt. Um 1850 gab es deshalb z.B. in Cork und in Limerick keinen produzierenden Silberschmied mehr.

Die Schotten waren zumindest in Bezug auf die verzierten alten Bestecke tatsächlich geizig. Denn sie produzierten meistens nur "single struck", also mit Verzierung nur auf der Vorderseite. Das spart Material.

 Heute wird nur noch in ganz wenigen Werkstätten Besteck handgeschmiedet. Das Handwerk stirbt. Noch ein Grund, sich und Ihrer Familie eines der letzten handgeschmiedeten Bestecke zu sichern.

 

Gebraucht oder Neu?

Der Hauptgrund für ein gebrauchtes Besteck liegt für mich im Preis begründet. Professionell poliert sieht es nicht schlechter aus als ein neues Besteck nach 10-maligem Gebrauch. Vergleichen Sie die Preise von gebrauchtem Besteck mit fabrikneuen Angeboten, dann stellen Sie fest, dass selbst erstklassige handgeschmiedete viktorianische Bestecke DEUTLICH billiger sind.


Wie viele Einzelteile gehören zu einem Besteck?

Ich bemühe mich, komplette Bestecke in sinnvollen Zusammenstellungen anzubieten. Gerade von Georg Jensen findet man das auf dem Markt nur selten. Oft ist die Zusammenstellung offensichtlich eine "Notlösung für gesammelte Werke".

Schaue ich in den aktuellen Katalog von Georg Jensen, dann finde ich alleine zum ACORN noch über 70 verschiedene Teile im Angebot. Insgesamt wurden über die Jahrzehnte wohl 200 gefertigt. Ob man nun spezielle Hummergäbelchen möchte, der Flaschenöffner auch aus dem Design sein muss oder man für sein Sushi die passenden Stäbchen und Ableger sucht - jedem das Seine.

Meiner persönlichen Meinung nach gehören zur Grundausstattung bei Speise-Bestecken zunächst 6 Teile pro Person:
Je 1 x Messer, Gabel und Löffel in groß für die Hauptspeise (Dinner)
Je 1 x Messer, Gabel und Löffel in etwas kleiner für die Vorspeisen / Suppen, Frühstück oder Desserts. (Lunch/Dessert)
Die sinnvollste Ergänzung ist sicher
1 kleiner Löffel für Tee, Kaffee oder crème brullée u.s.w.

Weitere sinnvolle Ausbaustufen: Fischbesteck, Kuchengabeln, Buttermesser und diverse Servierteile wie Servierlöffel, Suppenkellen, Fischvorleger und Tortenheber.  (Anmerkungen zu den Messern und den großen Löffeln siehe unten) 

Die Messer

Die Messer führen bei Silberbestecken aus mehreren Gründen ein gewisses Eigenleben.

  • Seit Hunderten von Jahren gab es sog. spoon maker, also Silberschmiede, die die Menschen speziell mit Löffeln versorgten. Diese fertigten i.d.R. später auch die Gabeln und andere Besteckteile aus Vollsilber.
  • Messer brauchen aber eine Metallklinge, wenn sie scharf sein sollen. Deshalb haben nur Buttermesser und Fischmesser Silberklingen. Die Fertigung von Metallklingen in Messern mit Silbergriffen ist ein spezielles Handwerk von sogenannten cutlers.
  • Noch im 19. JH war es durchaus üblich, die Messer gesondert aufzubewahren in sog. knife boxes. Siehe mehr dazu in der Rubrik "Besteck-Kästen".
  • Rostfreie Edelstahlklingen gibt es erst seit ein paar Jahrzehnten. Es ist also völlig normal, dass die Messer, mit denen ein heute noch völlig intaktes Ensemble aus Löffeln und Gabeln im 19. JH benutzt wurde, nicht mehr existieren. Oder nur, wenn man viel Glück hat - dann meist mit neuen Klingen.
  • Für die sehr gängige Form "Spaten / Fiddle" gab es gar kein eigenes Messer-Design. Zu dem Muster passen aber viele andere. Ausgesprochende Spaten-Messer sind eine Erfindung des späteren 20. JH.
  • Selbst die heutigen "rostfreien" Edelstahlklingen sind nicht für die Ewigkeit. Auch diese Klingen aus Edelstahl beginnen irgendwann zu rosten - nach einigen Jahrzehnten! - je nach Pflege, Gebrauch und Lagerung. Es heißt zwar "rostfreier" Stahl, besser wäre aber die Bezeichnung "rostträge". Würde man den Stahl wirklich rostFREI machen, dann wäre er am Ende so hart und brüchig, dass man ihn nicht mehr schleifen könnte. Man muss über die Jahrzehnte mal mit dem einen oder anderen schwarzen Punkt an der Klinge leben. "Pitting" nennt man das auf Englisch - "Rostfraß" auf Deutsch. Wobei der Begriff pitting sicher angenehmere Assoziationen weckt als Rostfraß ...
  • Zumal Rostfraß deutlich schlimmer klingt, als es ist. Es sind, wenn man ganz genau hinschaut, minimale kleine Löcher / Vertiefungen in der Oberfläche. Vor allem an den Kanten und am Übergang zum Griff. Es ist also völlig normal, die Messer oder zumindest die Klingen alle paar Jahrzehnte auszutauschen.
  • Lange war es üblich, die Messergriffe aus Elfenbein oder Knochen zu fertigen. Mitte des 20. JH auch aus Kunststoff. Die sind in der Regel heute nicht mehr schön anzuschauen. Zu allen halbwegs gängigen Designs gibt es heute neue Messer mit Silbergriffen zu kaufen. Neue ordentliche Messer mit Griffen aus Silber und Klingen aus gutem Edelstahl (spülmaschinengeeignet) bekommen Sie bei mir ab etwa 80 € das Stück mit MwSt. (R+B verlangt 169 € für ein Menü-Messer). Manchmal sieht man auf ebay auch welche für 60 €, auch Yates/Sheffield. Das ist nicht die Qualität, die ich fertigen lasse!
  • Übrigens: Die Messer werden wegen der Edelstahlklingen bei Gewichtsangaben zu Bestecken nicht mit gewogen. Zumindest bei seriösen Anbietern.
  • Wenn Sie Ihre Klingen wechseln möchten, dann kann ich Ihnen die Silberschmiede Brüggmann in Lüneburg empfehlen. Auf seiner Webseite finden Sie auch viele Informationen zum Thema. 

 www.silberschmiede-online.de

 

ZUSTAND

Alle meine angebotenen Bestecke sind in einem exzellenten Zustand - aufwändig poliert, appetitlich sauber und sofort einsetzbar.
Dazu weitestgehend frei von den üblichen Verbrauchserscheinungen, die der Zahn der Zeit so hinterläßt. Da sind vor allem zu nennen:

  • Löffel, die vorne und an einer Seite abgeschliffen sind. Produktionsbedingt ist der dickere Rand von handgeschmiedeten Bestecken bei weitem nicht so gefährdet wie Maschinenware.
  • Äußere Gabelzinken, die abgeschliffen sind. Gerne werden dann auch irgendwann die anderen "angepaßt", also ebenfalls gekürzt. Das kann man machen, wenn es sich nur um ganz wenige mm handelt und wenn es professionell gemacht wird. Wenn also auch die Spitze wieder geformt wird. Oft wird es aber übertrieben, dann gibt es unschöne Proportionen und stumpfe Spitzen.
  • Der ungelenke Einsatz von Edelstahlklingen der Messer an den Gabelzinken hat oft Spuren hinterlassen, die über das akzeptable Maß hinaus gehen.
  • Messer: siehe oben

Hier mal 2 Beispiele für NICHT exzellenten Zustand.

   
     

 Die folgenden beiden Aufnahmen zeigen 2 Bestecke vom gleichen Anbieter, im gleichen Design und aus der gleichen Zeit. 

   
     

 

 Ein paar Besonderheiten bei Besteck "von der Insel".

1) Die großen Löffel       2) Crests und Monogramme       3) Straight oder assembled

Die großen Tafel-Löffel

Pauschal gesagt: Im 19. JH waren die Bestecke größer als die modernen Bestecke heute. Einerseits wurde da nicht am Material gespart - andererseits waren gewisse Essgewohnheiten anders. So hat man die Suppe seitlich von den großen Löffeln geschlürft.

Die perfekte Größe für Suppe haben i.d.R. die Tafel- oder DinnerLöffel aus dem 18. Jahrhundert. Aber die sind extrem selten in größeren Einheiten.

Sehr gut eignen sich auch die viktorianischen Lunch/Dessert-Löffel. Deshalb ging man schon im Laufe des späteren 19. JH dazu über, die großen Dinner-Löffel eher als Servierlöffel zu nutzen. Dadurch findet man öfters ältere Bestecke für z.B. 12 Personen mit nur 6 oder 4 table spoons. Da fehlt dann nichts - das soll so sein. Und mit Längen von 22 bis 24 cm sind diese Dinner/Tafel-Löffel perfekte und sehr preiswerte Servierlöffel.

Neue Bestecke haben für die Suppe machmal eigene runde Suppenlöffel.

 

Crests (oder sogar Wappen) und Monogramme

Ein Thema, zu dem jeder seine eigene Meinung finden muss: Will ich Zeichen von Vorbesitzern auf meinem Besteck oder nicht?

Ich persönlich mag grundsätzlich keine Monogramme auf meinen Silbersachen. Wobei ich bei einem schönen Ziermonogramm manchmal gnädig bin. Aber einfach mittig drauf 3 Buchstaben in Blockschrift, das geht gar nicht! Auf solche Ideen kommen vor allem Amerikaner, deren Drang, alles zu markieren, mir sonst nur von bellenden Vierbeinern bekannt ist. Bis hin zu eingravierten Sozialversicherungsnummern!!

Eine kleine Ausnahme sind alte Bierbecher / mugs bzw. tankards. Die nahm der Besitzer mit in den Pub. Da war eine namentliche Kennzeichnung schon sinnvoll; meist auf dem Griff. Denn nicht jeder hat ein Adelswappen ...

Ganz anders ist meine Einstellung zu Familienzeichen, crests genannt.

 

 Zwar kann man nur selten alleine aus einem solchen Zeichen die genaue Herkunft ermitteln, denn beliebte Zeichen, wie z.B. Löwen oder Löwenköpfe, wurden im Laufe der Jahrhunderte von vielen Familien und Familienzweigen genutzt. Aber ein crest ist für mich ein Zeichen von Authentizität. Die meisten Besteckteile aus dem 19. JH haben ein Familienzeichen - oder hatten zumindest mal eines.

Ein komplettes Besteck aus dem 19. Jahrhundert mit einem einheitlichen family crest ist etwas ganz Besonderes! Nur wenige haben die Zeit (einschließlich diverser Erbschaften) als Ensemble überlebt. Wenn ja, dann nennt man sie "straight canteens".

   

 Dieses Besteck stammt aus Dublin, 1839 (mit neuen Messern).
Wundern Sie sich nicht, wenn Sie aus dieser Zeit Bestecke sehen, bei denen das crest / Familienzeichen auf den Gabeln "auf der Rückseite" graviert wurde. Bis ca. 1840 war es üblich, Gabeln mit den Spitzen nach unten auf den Tisch zu legen. Bis etwa Mitte des 18. JH auch die Löffel.

 

Bei dicken Bestecken guter Qualität können Sie alte crests / Monogramme praktisch spurlos entfernen lassen.

Aber bitte nicht bei Mister Minit ;-)

 

 Straight or composite / assembled?

Alles aus einer Hand - oder "gesammelte Werke"?

Schon interessant: In Deutschland haben wir gar keine Silberpunzen, die das Herstellungsjahr verraten. Und Georg Jensen hat seit 1945 seinen Stempel nicht mehr verändert. Da merkt man also gar nicht, ob ein Besteck aus mehreren Chargen / Zeiträumen zusammengestellt wurde. Die meisten kontinentalen Händler und Kunden denken darüber nicht einmal nach. Man sieht ja auch nichts, wenn alle Teile den gleichen Polierstand haben. Zumal die Punzen selbst i.d.R. auf der Rückseite sind.

Aber im Vereinten Königreich gibt es diese besondere Champions League: "Straight Canteen"!

Straight in Reinform bedeutet: Alle Löffel und Gabeln sind seit bis zu 200 Jahren zusammen und tragen die gleichen Jahres - und Meisterstempel. Ein paar wenige Jahre rauf und runter beim gleichen Hersteller liegen im Toleranzrahmen.

Wenn dann noch alle Teile das gleiche originale family crest / Familienzeichen tragen - BINGO!! Dann schlägt auch mein Herz ein bisschen höher.

Man bekommt die ersten straight Bestecke überhaupt erst ab ca. 1820. Im 18. Jahrhundert war es nicht üblich, komplette Bestecke (canteens) aus einer Hand zu kaufen - ebensowenig wie komplette Kaffee-und Teeservice. Das Handwerk war noch diversifizierter (z.B. reine spoon maker) und der Kunde kaufte vielleicht immer beim gleichen Einzelhändler - der aber bei verschiedenen Werkstätten, ergo mit verschiedenen Meistermarken.

Übrigens: Selbst bei straight Bestecken erwartet heute niemand die Original-Messer. Bitte lesen Sie dazu oben unter "Messer".

Und Teelöffel gehörten mindestens bis zur Mitte des 19. JH auch nicht zur Grundausstattung.

Viel häufiger als straight canteens sind Bestecke, die zusammengestellt wurden aus mehreren Rumpfbestecken verschiedener Hersteller-Werkstätten und mit Jahresmarken über mehrere Jahrzehnte hinweg. Dafür gibt es im Fachhandel die Begriffe "assembled", "composite" und "Harlequin".

Bei diesen Zusammenstellungen werden die crests i.d.R. ausgeschliffen für eine einheitliche Erscheinung. Bei dick gearbeiteten handgeschmiedeten Bestecken ist das grundsätzlich kein Problem. Wird das professionell gemacht (dafür gibt es in England Spezialisten), dann sieht man praktisch nichts. Zumindest bei schlichten Designs ohne Verzierungen um das ursprüngliche crest herum.

Solche Zusammenstellungen sind nicht immer erfolgreich - um es mal vorsichtig zu formulieren! Erfolgen sie aber professionell und sorgfältig und bleibt man dabei möglichst in einer "Produktionslinie", dann entstehen erstklassige Bestecke zu einem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis. Mit "Produktionslinie" meine ich, dass man Bestecke nur zusammenstellt aus Teilen, die (wenn auch über Jahrzehnte hinweg) in der gleichen Werkstatt gefertigt wurden - schon wegen Form, Größe und Proportionen.

Klassisches Beispiel: George Adams. 
Man findet seine Meistermarke GA auf vielen Bestecken. Die hat er nicht selbst gefertigt, die stammen aber alle aus der Werkstatt von Chawner + Co, der erfolgreichsten Firma für handgeschmiedetes Besteck im England des 19. Jahrhunderts.

George Adams war der Chef vom Ganzen. Von 1840 bis 1883. 

Der Schmied selbst hat meist seinen kleinen Erkennungsbuchstaben

daneben gesetzt, hier das D. 

Mal ganz vereinfacht dargestellt:

William Chawner II machte seine Lehre bei Eley I. + Fearn (führende Besteckfirma spätes 18. JH) und ging 1808 für 7 Jahre eine Partnerschaft ein mit diesen. 1815 machte  er sich selbständig bis zu seinem Tod 1834. Seine Witwe Mary übernahm als Statthaltern bis zum Ende der Ausbildung von Sohn William III im Jahre 1838.

Aber Pustekuchen, Sohnemann wollte die Firma dann nicht und ging stattdessen in die Kirche. Also ging das Unternehmen für ein paar Monate an seine Schwester Mary Ann - und die war verheiratet mit George Adams. Dieser war gar kein gelernter Silberschmied - aber jetzt in der Not mußte er ran. Heute würde man das wohl "kaufmännischer Leiter" nennen. Er führte das Unternehmen kurz zusammen mit der Schwiegermutter, danach alleine extrem erfolgreich als Chawner + Co. bis 1883.


 Und warum erzähle ich Ihnen das? Weil Sie daraus erkennen können, dass grundsätzlich nichts einzuwenden ist gegen ein Besteck in sehr gutem Zustand, welches nur aus Teilen mit GA-Stempeln besteht - bei dem aber die Jahresbuchstaben teilweise über Jahrzehnte gehen. Nur auf den Zustand kommt es an. Es spricht auch nichts gegen noch ältere Besteckteile mit Chawner-Stempeln. Es gibt Formen, die hat schon Chawner benutzt, dann Adams und danach auch noch Holland, Aldwinckle + Slater. Sie sehen: mit ein bisschen Hintergrundwissen kann man Weltklassebestecke preiswert zusammen stellen.

 

 Möchten Sie ein Besteck von vor 1800, dann haben wir allerdings ein kleines Problem:

Denn genau so selten wie komplette Teeservice kaufte man im 18. JH ganze Bestecke aus jeweils 5, 7 oder mehr Teilen für 12 Personen. Es wurden durchaus genau 12 Löffel oder 12 Gabeln aus einer Serie gekauft. Das Dutzend war immer schon eine runde Zahl. Aber selten - konnte sich doch kaum jemadn leisten.

Und fast immer hat es in den letzten 250 Jahren Verluste gegeben. Heute bekommt man mal 5 Dessertlöffel von X von 1730 mit dem crest der Familie A und 4 Dessertgabeln von Y aus 1756 mit dem crest der Familie B. Und dann noch 9 Dinnergabeln ohne crest (weil ausgeschliffen). Davon können Sie aber noch 2 entsorgen wegen kurzer Zinken.

Irgendwas fehlt immer.

Aus dem 19. Jahrhundert sieht es etwas besser aus. Komplette Bestecke findet man. Auch etliche separate Löffel- oder Gabelsets - allerdings meist für 6 Personen. Wenn Sie aber 12 Gabeln oder Löffel in Top-Zustand aus einer Hand suchen, dann wird es auch aus dieser Zeit ganz eng. Besonders bei Dessertgabeln und auch Dessertlöffeln. Davon wurden wesentlich weniger produziert als von der Dinner-Größe. Denn für lange Zeit war es Mode, gesonderte Dessertbestecks zu haben, duchaus in anderem Design und auch vergoldet. Und da Tee- oder Kaffeelöffel damals nicht unbedingt zum Speisebesteck gehörten, sind die noch seltener.

 Um es noch einmal deutlich zu sagen: Assembled / composite ist grundsätzlich kein Makel - und auf dem Kontinent sowie die Regel. Wichtig ist, dass sie "sensibel" und mit Sachverstand zusammen gestellt wurden. Darauf achte ich schon.

Aber "straight" ist einfach cooler!

 

 Die Preise

 Vergleichen Sie einfach. Aber bitte Äpfel mit Äpfeln.

  Eine solche Zusammenstellung für 12 Personen / 84 Teile kostet neu gestanzt bei Carrs in England zwischen 12 und 13000 €, bei Robbe + Berking mehr als 15000 €. Also pro Teil 150 bis 180 €. Georg Jensen verlangt im Schnitt 200 € pro Teil.

Da Material- und Arbeitseinsatz für die Firmen bei allen Designs praktisch gleich ist und alle unbegrenzt zur Verfügung stehen, ist die Preisstruktur bei denen einfach: Alle Designs kosten gleich viel.

Sobald sie auf den Gebrauchtmarkt kommen, knallt der Preis natürlich runter. Trotzdem werden noch hohe Preise verlangt. Oft für 800er Silber. Meist unpoliert. Der Gebrauchtmarkt für Besteck aus dem 20. Jahrhundert ist ein bisschen unübersichtlich, auch in England. Es gibt so ein Durcheinander in den Zusammenstellungen, viel mehr verschiedene Teile als "früher" (von Fischbesteck über Espressolöffelchen bis zu Oystergablen). Deshalb beschränke ich mich hier auf die guten alten handgeschmiedeten Bestecke.

Da gibt es schon deutliche Unterschiede von Design zu Design. Ein recht häufiges Besteck in schlichter Spatenform oder Old English kostet pro Teil nur die Hälfte und weniger von begehrten und seltenen aufwändigen Designs wie Elizabethan, Kings Husk oder gar Coburg.

Literaturempfehlung:

ISBN 9780907462354

 Neue Messer gibt es in den meisten Varianten für rund 70 € pro Teil. Einige kosten deutlich mehr (z.B. Lily), weil nur 1 Hersteller die Form hat und nicht verleiht.

Für einen Preisvergleich pro Teil immer das oben gezeigte Standard-Besteck zu Grunde legen. Also Nebelbomben, wie z. B. 6 zusätzliche kleine Salzlöffel ggf. einfach abziehen. Wird das Besteck nicht genau für 12 Personen angeboten, sondern für 6 oder 10, dann einfach den Preis ins Verhältis setzen. Klar, 12 Personen ist teurer, weil seltener und begehrter als 6 Personen. Aber für einen Richtwert reicht diese Rechnung allemal.

Dann werden Sie schnell feststellen, dass sich im englischen Einzelhandel für gutes altes Besteck in etwa diese Werte ergeben:

Schlichte Designs ohne Verzierung, wie Old English, Hanoverian oder Fiddle/Spaten: ca. 80 Pfund pro Teil (1 GBP zur Zeit rund 1,15 €)

Kings, Queens, Albert u.ä.: ca. 100 Pfund pro Teil

Die begehrten Varianten des "Augsburger Faden", also Fiddle + Thread / F+T+Shell: deutlich über 100 Pfund pro Teil

Exklusive seltene Designs wie Elizabethan, Coburg oder Kings Husk kosten noch deutlich mehr. Aber immer noch viel weniger als neue Stanzware.

 Natürlich kommen noch andere Kriterien bei der Preisfindung dazu. Wie "straight canteens" oder schöne crests / Provinienz und natürlich: Zustand!!

Aber als Richtwerte eignen sich die Zahlen auf jeden Fall.

 

 Besondere Akzente kann man setzen mit

SERVIER- und VORLEGETEILEN

Diese können als Solitäre eingesetzt werden und müssen nicht unbedingt das gleiche Design haben wie das Grund-Besteck.