Bestecke aus dem 18. Jahrhundert

Goethe und Schiller schrieben Gedichte; Bach, Beethoven und Mozart machten Musik; Chippendale und Adams revolutionierten Möbeldesign und Architektur. Und Johann Joachim Kändler schuf das schönste Meissner Porzellan. Während sein Bruder die Schreibweise seines Namens internationalisierte und in London als Charles Frederick Kandler feinste Silberkunst schmiedete - auf dem Niveau von "DeLamerie and friends".

Alles im 18. Jahrhundert. Vieles (manche sagen: das Meiste), was danach auf den Gebieten Design und schöne Künste geschah, baute darauf auf, war höchstens eine Weiterentwicklung. Bei Bestecken ist es ähnlich.

Es begann im frühen 18. JH mit dem "Hanoverian". Die Namensgebung spielt auf die Thronbesteigung der Hannoveraner mit George I im Jahre 1714 an. Sein Sohn folgte 1726 als George II. Er regierte bis 1760, und bis ungefähr zu dieser Zeit war das "Hanoverian" die vorherrschende Besteckform im Königreich. Danach verschwand sie (ersetzt durch die Form "Old English"), erfreut sich aber seit Beginn des 20. JH wieder großer Beliebtheit und wird heute noch produziert.

Zur Zeit des "Hanoverian" legte man Löffel und Gabeln (aus heutiger Sicht) verkehrt herum auf den Tisch, also Laffe und Zinken nach unten. Deshalb sind die Griffenden (ebenfalls aus heutiger Sicht) leicht nach oben gebogen.

Es gibt 2 Formen der Rückseite. Den "Drop" (weil der Griff in Form eines Tropfens oder Doppeltropfens mit der Laffe verbunden ist) und den berühmten "Rat Tail" (weil der Griff in Form eines Rattenschwanzes auf der Rückseite der Laffe ausläuft).

Grundsätzlich sprechen wir hier von einem schlichten, zeitlos eleganten und relativ leichten Design. Auch die Größe von Löffeln und Gabeln entsprechen den Größen und Längen, die wir heute benutzen.

Die Gabel waren schmal und hatten nur 3 Zinken. Die Messer im 18. Jahrhundert hingegen waren riesig. Beides war sicher der Tatsache geschuldet, dass man auf den Speisekarten eher "Halbes Wildschein auf Toast" las als "Austernpilze an Rucola". Moderne Hanoverian-Bestecke (siehe Bild) haben Gabeln mit den heute üblichen und praktischen 4 Zinken.

Die beschriebene Form diente immer wieder als Grundlage für (zugegebenermaßen teils faszinierende) Weiterentwicklungen - i.d.R. durch Verzierungen.


Die Vorherrschaft des Hanoverian wurde beendet mit der Einführung der Form "Old English" gegen 1760. Die Löffel legte man jetzt "richtig rum" auf den Tisch, weshalb die Griffenden nach unten gebogen sind. Die Gabel wurde noch bis ins 19. JH hinein mit den Zinken nach unten auf den Tisch gelegt. Manche begannen früher, sie "richtig rum" zu legen, anderen später. Das führt dazu, dass crest (Familienzeichen) aus heutiger Sicht bei der Gabel oft auf der Rückseite sind, bei den Löffeln auf der Vorderseite. Ein sicheres Zeichen, dass diese crest "aus der Zeit" sind und nicht später. 

Das Old English und ein paar seiner zahlreichen Varianten:


Es gehört heute noch zu den beliebtesten Designs und ist (wie das "Hanoverian") das richtige Besteck für alle, die es schlank und leicht mögen. 


1790   William Sumner    London

Das Besteck der Fowke-Familie.   

Design: Old English Bright Cut Edge
Dieses 30-teilige Besteck für 6 Personen ist nicht nur in einem geschmackvollen Design und einem tollen kompletten Zustand inklusive Messer (!) von William Abdy, sondern hat auch eine sehr interessante Provenienz.
Das Besteck wurde angeschafft von Thomas Thorpe Fowke (1740 - 1805). Er war der Sohn von Rear Admiral Edmund Thorpe Fowke (1704-1784) und der Vater von Admiral George Thorpe Fowke (1767 - 1832). Die Familie geht zurück auf die Foulques aus dem Hause von Anjou in Frankreich. Sie hielt immer höchste militärische und politische Ämter. So war der alte Gerard Fowke mal "Gentleman of the Bedchamber" von König Charles I. 
Nein, das ist nicht, wonach es sich anhört ;-)
3850 €
Die auf dem letzten Bild gezeigte Kelle ist aus dem gleichen Hause und kann gesondert erworben werden.


Zeitgleich mit Old English schwappte aus Frankreich das berühmte Spaten-Muster über den Kanal, dort "fiddle" genannt. So so - in Deutschland assoziieren wir die Grundform also mit einem Spaten, die Engländer mit einer Geige. Ein Schelm, wer daraus Mentalitäts-unterschiede ableiten möchte! 

Dieses Muster in seinen Varianten wurde zum beliebtesten Design des 19. Jahrhunderts. Die Privatbestecke von Lord Nelson und der Besteckdynastie Chawner waren schlichte Fiddle. Zum Ende des 19. JH verlor es seine Attraktivität, so dass zu Beginn des 1. Weltkrieges sogar alle Stahlformen in London für die Waffenproduktion eingeschmolzen wurde. Noch heute wird das Muster produziert und erfreut sich wieder großer Beliebtheit, aber nach 1915 wurde kein Spatenmuster mehr handgeschmiedet!

Während Hanoverian, Old Englisch und Fiddle / Spaten schlicht-elegante Designs sind, trat in England zu Beginn des 19. JH das "Kings Pattern" und seine Varianten im "Kings Shape" seinen Siegeszug an und bot endlich auch den Liebhabern schwerer und opulenter Formen etwas. Wobei man "schwerer" durchaus wörtlich nehmen kann. Während die große Gabel bei Hanoverian oder Old English rund 70 Gramm wiegt, bringen die per Hand geschmiedeten "Kings" gut und gerne 100 Gramm auf die Waage. 

Obwohl das Kings-Muster in seinen Varianten vor allem ab dem Regency, also nach 1810 boomte, gehört es auf diese Seite über "Besteck aus dem 18. Jahrhundert". Denn die ersten Exemplare sind aus dem 18. JH und es stammt ursprünglich ebenfalls aus Frankreich.


"Das dreckige Dutzend"

Kennen Sie den Film? Dann zählen Sie mal nach. Genau, auf dem Bild sind nur 11.

So ergeht es mir regelmäßig auf der Suche nach kompletten "straight" Dutzend von Löffeln, Gabeln oder gar Messern aus dem 19. Jahrhundert oder, natürlich noch seltener, aus dem 18. JH.

Irgendeiner feht immer!

Abgesehen davon, dass viele Händler dazu übergegangen sind, aus einem Dutzend 2 x 6 zu machen. "Kleine Familien - und die Leute haben doch keine Gäste mehr" Na ja, der Trend ist schon spürbar. Aber ich denke, jeder will was retten. Manche die Welt oder zumindest die Wale. Ich wenigstens ein paar Dutzend alte Löffel, Gabeln und Messer.

Zu Gabeln aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert fehlt mir irgendwie die richtige Einstellung. Nicht nur, dass es fast unmöglich ist, ein 12er Set zu finden (was dann auch ein kleines Vermögen kostet). Dazu kommt, dass die alten Gabeln meistens ziemlich abgenutzt sind und mit ungleich langen Zinken auch nicht toll aussehen. Vor allem aber hatten die Gabeln nur 3 dünne Zinken - und von denen fallen mir die Speisen immer runter.

Dafür bin ich von den Tafel- oder Dinnerlöffeln umso begeisterter!

Gerade die Hanoverian sind mit einer Länge von rund 20 cm und der daraus resultierenden Laffengröße die perfekten Suppenlöffel. Und mit den sanften Rundungen echte Hand- und Lippenschmeichler. Natürlich sind komplette 12er sets aus dem frühen und mittleren 18. Jahrhundert extrem selten. Aber wer einmal eine cremige Kürbis- oder Spargelcremesuppe damit genossen hat, der versteht meine Begeisterung. Zumal man selbst für fast 300 Jahre alte Spitzenstücke, geschmiedet in purer Handarbeit mit Blasebalg am offenen Feuer, noch weniger bezahlt als für neue Stanz- und Pressware von den bekannten Besteckmarken heutiger Zeit. Die verlangen rund 200 Euro für einen neuen Löffel dieser Größe.


1730    Isaac Callard   London

Design: Hanoverian Drop

Wunderbare seltene Löffel aus der Zeit von George II. Von einem der besten spoon maker seiner Zeit, in tollem Zustand! 

ca. 20 cm lang, zusammen 793 Gramm.

1400 €



1768/77   Thomas + William Chawner London

Design "Old English"
22,4 cm lang, 812 Gramm. Etwas länger als Hanoverian, aber durch die schlanke Form ebenfalls perfekte Suppenlöffel.
Schönes crest vorne.
750 €  (ohne Kelle, die kann gesondert erworben werden)