Schottland, Irland und die Provinz

Hier steht eine allgemeine Einleitung ins Thema - die aktuellen Angebote sehen Sie auf der Unterseite!


Provincial Silver – Silber aus der Provinz.

Über Jahrhunderte hinweg war alles außerhalb von London „Provinz“. Für die meisten Londoner ist das heute noch so.

Die dortige Zentralgewalt bestand und besteht aus guten Gründen darauf, dass jedes Stück Silber vor dem Verkauf zur Prüfung auf seine Reinheit einem Assay Office vorgelegt wird. Aus einer Mischung aus Macht- und Profitstreben (die meiste Zeit mussten für Silber nach Gewicht recht hohe Abgaben gezahlt werden) wurde auch von jedem Silberschmied außerhalb von London erwartet, dass er seine Waren dem Londoner Assay Office vorlegt.

Ähnliches galt in Schottland für Edinburgh und in Irland für Dublin.

Natürlich hatte kein Silberschmied aus den Highlands oder aus Cornwall ein Interesse daran, seine gefertigte Teekanne über hunderte von Kilometern auf unsicheren und schlechten Wegen in die Hauptstadt zu schaffen, um dann auch noch eine Menge Gebühren zu berappen. Für ein paar Stempel, die seine Kunden wohl nicht wirklich interessierten. Diese wollten seine Waren vermutlich lieber schneller und billiger und dann eben nur mit den Stempeln des Meisters.

Weitere Infos zu diesen sog. Duty Dodgern finden Sie in der Infothek unter „Punzen + Marken“

Wer sich näher informieren möchte über den Jahrhunderte währenden Kampf der außer-hauptstädtischen Silberschmiede um mehr Freiheiten und eigene Assay Offices in der Provinz, dem empfehle ich das gezeigte Buch von Margaret Holland.

Eine Sammlung von provinziellem Silber aufzubauen, ist eine Wissenschaft für sich. Man vermied zwar, die Stempel in der Hauptstadt zu kaufen, aber so ganz ohne Punzen wollten die Silberschmiede in Banff, Inverness, Limerick oder Portsmouth ihre Waren dann auch nicht ausliefern. Also erfanden sie eigene z. B. Ortszeichen. Da kam über die Jahrhunderte bücherfüllendes zusammen.

Schauen Sie zu irischen Punzen auch in der Infothek unter "Punzen + Marken".

Natürlich ist die Menge das verfügbaren alten Silbers aus der Provinz sehr begrenzt. Vor allem Hohlware / haloware ist begehrt und hochpreisig.

Ich persönlich habe nicht den Ehrgeiz, z.B. aus jedem Ort einen Löffel zu haben, in dem vom 16. bis 18. Jahrhundert mal ein spoon maker aktiv war (eines der möglichen Sammlerziele).

Trotzdem empfinde ich einen zusätzlichen Reiz, wenn eine schöne Schale oder eine Serviergarnitur guter Qualität zusätzlich noch eine Herkunft hat, die mich an meine Reisen z.B. in die schottische Provinz erinnern.

 Wie lebte man vor 200 Jahren in Inverness, als diese Löffel und Kellen dort geschmiedet wurden?


   

Schottland und Irland

Grundsätzlich wurden in diesen beiden Regionen die gleichen Silberwaren verwendet wie in London /England - aber meist einige Jahrzehnte später.

Klar, die Trends – sei es Tischkultur aus Frankreich oder Tee aus Asien – liefen erst über London. Als die Schotten dann den Tee für sich entdeckten, konnten sie mit den in London üblichen Mini-Kugel-Kannen nichts anfangen. Schottische Teekannen aus dem frühen 18. JH sind nicht nur fast immer deutlich größer als Londoner, sondern stehen meist auch schon auf einem Fuß.

Das folgende Teeservice hat nicht nur eine typisch schottische Form und Verzierung, sondern zeigt einen erfreulichen Ehrgeiz, der auch bei den Iren zu erkennen ist: Sich abheben vom Londoner Einerlei - mit kleinen, aber feinen Details.

Schauen Sie sich mal die obere Öffnung des Milchkännchens an. Nicht der eine übliche Ausguss nach vorne, sondern die stilisierte Form einer Blüte / Kleeblatt / Distel, so dass zumindest nach 3 Seiten gegossen werden kann.

 

Die Teekannen der Iren sind ebenfalls durchweg größer und schwerer als die der Engländer. Im frühen 19. JH gaben opulente Verzierungen und gegossene Applikationen Gewicht (die folgende Teekanne wiegt rund 1 kg)  – und auch hier gibt es zusätzliche feine Details. Wie z.B. die Griffrückseite.


 

Regionale Besonderheiten Schottland und Irland

Viele Silberwaren, die in Dublin oder Edinburgh gestempelt wurden, sind deshalb nicht unbedingt irisch oder schottisch. Viele unterscheiden sich gar nicht von denen, die in London oder Sheffield oder Newcastle produziert wurden. Oder sie wurden gar von dort importiert und von ortsansässigen Einzelhändlern gestempelt.

Auch hier gilt – wie immer: Es kommt nicht auf die Stempel an. Authentizität zählt.

Hash und toddy sind schottische Spezialitäten. Man stärkt sich mit einer Mischung aus Fleisch und Kartoffeln (hash), die mit riesigen Löffeln serviert wird. Diese sog. hash-spoons sind noch mal deutlich größer als basting spoons. Mit denen kann man zur Not auch Einbrecher vertreiben. 35 bis 40 cm Länge mit über 200 Gramm liegen gut in der Hand.

Toddy ist ein Heißgetränk aus Whisky, Wasser und Zitronensaft. Es gibt Varianten mit Honig oder auch Milch. Aber Whisky und heiß ist immer. Oder zumindest Whisky.

Ein typisch schottisches Produkt ist somit der toddy ladle, eine Kelle mit (längerem) Holz- oder (kürzerem) Silbergriff. Von der Form her wie Saucen- oder Suppenkellen. Also nicht besonders aufregend – außer, sie sehen so aus wie auf dem Bild unten rechts.

Ziemlich einmalig schottisch sind Schnupftaback- / Tabackdosen aus dem Horn der Hochland-Widder (Bild unten links).

Pfiffig finde ich kleine Deckelkännchen für heißen Whisky. Leider auch extrem selten. (Bild Mitte) Kann man natürlich auch für O-Saft, Milch und Kakao verwenden.

Mit Irland verbindet man oft keltische Motive (wie auf den unten gezeigten Teekannen). Allerdings ist das eher eine Erscheinung des 20. JH. Und ein bisschen werden damit auch Klischees bedient.

Sogenannte dish rings (Durchmesser zwischen 10 und 25 cm) sind ziemlich typisch für Irland und waren vor allem im späten 18. JH und dann noch mal im frühen 20. JH populär. Um den Tisch zu schützen, stellt man heiße Schalen mit Speisen auf diese repräsentativen Ringe. Man nennt sie auch potato rings. Aber bei denen, die sich solche Untersetzer leisten konnten, gab es sicher nicht nur Kartoffeln. Und wer nur Kartoffeln hatte, der konnte sich keine rings leisten.

Mal abgesehen von einzelnen Besteckteilen ist es sehr schwer, altes Silber aus Irland oder Schottland zu finden. Die dish rings sind ein schönes Beispiel. Die meisten sind aus Birmingham "im irischen Stil", gefertigt um 1910. Es gibt kaum Originale aus Irland um 1780.


Die Gestaltung von Silberwaren in Irland des 18. und 19. JH ist nicht dezent mit "keltischen" Rändern, sondern viel lebhafter und urban. Mit (oft mystischen) Figuren, Tieren, Pflanzen und Menschen.

Auch aus dem 20. JH ist Silber aus Dublin durchaus empfehlenswert. Royal Irish Silver produzierte in den 1960er und 70er Jahren erstklassige Silberwaren, vor allem im Stile des 18. Jahrhunderts.


Erfreulicherweise gibt es diese locker und leicht auf Deutsch zu lesenden Übersichten über die Geschichte von Irland, Schottland und Wales. Empfehlenswert!

Falls Sie sich wundern, warum hier so viel von Schottland, aber kaum von Wales die Rede ist: Spätestens, wenn Sie die Geschichte Schottlands und Wales gelesen haben, wird das klar.



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