Silber in England von 1837 bis 1910 -

die viktorianische Epoche und die Zeit von Edward VII (1901 -1910)

64 Jahre lang, von 1837 bis 1901, war Victoria Königin eines wachsenden Weltreiches, dessen Wohlstand es immer mehr Menschen erlaubte, Tafelsilber zu besitzen. Gleichzeitig führte die Industrialisierung zum Einsatz von Maschinen für eine billigere Produktion von Silberwaren.

Der Kreativität und der Qualität war diese Entwicklung nicht immer zuträglich. Ich möchte nicht zu sehr mit dieser Epoche ins Gericht gehen und es mal so formulieren: Je länger das 19. JH dauerte, desto mehr nahm die Gefahr ab, durch die Entdeckung von individueller und origineller Qualitätsarbeit Schnappatmung zu bekommen.

Industriedesigner wie Christopher Dresser gaben um 1880 den Marsch vor. Interessantes Design, immerhin.

Ich zitiere dazu einfach aus dem Buch "Silber 1880-1940" von Annelies Krekel-Aalberse:

(Das Silberhandwerk) ... wurde alsbald durch eine rasant wachsende Produktion mittels dampfbetriebender, maschineller Hilfsmittel ersetzt. ... (Der Silberschmied) wurde nach und nach zu einem Monteur, der mit Hilfe dampfgetriebener Pressen und Drückbänke routiniert Silbergerät aus einzelnen Teilen zusammensetzte. Viel zeitraubende Handarbeit, wie das Fertigen von hohlen Formen aus der Fläche heraus, war nun Aufgabe der Maschine. ... am Ende des 19. JH gab es nur noch wenige Silberschmiede, die ihr Handwerk wirklich beherrschten. ... Die fabrikmäßige Produktion ist nur ein Aspekt des Kunsthandwerks im 19. JH, viel auffallender ist das Fehlen eines eigenen Stils. Das Imitieren und Kombinieren alter Stile war gängige künstlerische Praxis geworden.

Andererseits ist das viktorianische Zeitalter gerade wegen der Industrialisierung und dem Aufstieg des Vereinten Königreichs zur Weltmacht sehr interessant. Es gibt, wie meist, 2 Seiten der Medaille. Denn Kunst entwickelt sich nicht in Armut. Dazu braucht es Mäzene. Und Kunden.

Wer tiefer einsteigen möchte, dem empfehle ich dieses Standardwerk:

Hier eine kleine Sammlung von durchaus ansehnlichem viktorianischen Design. Dabei wurde schon mal auf Cellini zurück gegriffen oder im Neugotischen Stil (Gothic Revival) produziert.



Der Edwardian Stil?

Es gibt ganze Bücher über Edwardian Möbel. Aber Edwardian Silver? Kann ich nicht entdecken. Mit einer Ausnahme: Qualitativ gute Neuauflagen des schlichten Designs aus dem (meist frühen) 18. Jahrhundert.

(Edward war nur König während des ersten Jahrzehnts des 20. JH, aber ich spreche hier von einem Zeitaum bis etwa 1920.)

Ich kann keine besseren Begründungen liefern als

1) Silber war historisch billig, man konnte also klotzen.

2) Die Arts + Crafts Bewegung hatte wieder ein paar echte Silberschmiede geboren. Die konnten Kerzenleuchter gießen, Kanten schmieden und Korpusse hämmern.

3) Nach der ganzen Schnörkelei der viktorianischen Epoche fand man schlicht auch mal wieder schön.

4) Ein großer Produzent von qualitativ sehr hochwertigen Stücken im Design des frühen 18. JH war Alfred Lionel Crichton. Und der war wohl persönlich ein großer Liebhaber der Originale.

Wie auch immer: Während die Originale meist unerreichbar sind, sind hervorragende Neuauflagen des Designs eine echte Alternative: