Die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts - "Post War"

um 1950   Sagara   Japan

Da ich wieder hauptsächlich über die Entwicklung in England berichte, bekommen die Japaner dafür die pool position bei den Bildern.

 Der 2. Weltkrieg schlug große Kerben in die Britische Silberindustrie. Die erfahrenen Silberschmiede wurden für feinmechanische Arbeiten in der Kriegsindustrie eingesetzt – die jungen an der Front erschossen.

Der Bedarf an Haushaltssilber ging naturgemäß zurück und eine Luxus-Steuer von 110 % auf neue Silberwaren half dem Geschäft auch nicht wirklich.

In den folgenden 3 Jahrzehnten starben die großen silberverarbeitenden Betriebe der Reihe nach weg. Erst kamen die Fusionen (Barker Brothers und Ellis, Roberts+Belk zu Vander usw.) bzw. der Zusammenschluss in großen Konglomeraten wie Padget + Braham Ltd. Dann brachten die wirtschaftlichen Probleme der 70er Jahre (Ölkrise, Arbeitskämpfe u.a.) vielen Firmen in England das endgültige Aus. 

Man muss aber auch klar sagen, dass es einfach keinen großen Bedarf für neues Haushaltssilber gab und gibt. Besteck und Schalen aus rostfreiem Edelstahl für die Spülmaschine, Kaffeemaschinen ... die grundsätzliche Veränderung der Lebensgewohnheiten mit kleineren Haushalten, berufstätigen Frauen und immer seltener werdenden gemeinsamen Mahlzeiten ... die Liste könnte ich beliebig verlängern.

Die Zeit des Tafelsilbers für breite Kreise der Bevölkerung ist vorbei. Punkt.

 

Nur 2 große Namen aus England findet man heute noch: Mappin + Webb und Garrard. Die leben aber von Schmuck und Juwelen. In Deutschland hält sich neben Robbe + Berking noch Wilkens - und auch Georg Jensen aus Dänemark bietet noch Silberwaren, neben all dem Schmuck. "Richtig" Silber und fast keinen Schmuck macht noch Evald Nielsen.

Aber wer schöne Silbersachen mag, dem steht ja ein großer Markt mit jungen und alten Antiquitäten offen.

Wie meist, wenn sich Dinge ändern, ändert sich nicht alles nur zum Schlechten. Nach jedem Waldbrand blüht es irgendwann wieder: Parallel zum Wegfall der großen Fabriken entstanden in England seit den 50er Jahren viele hervorragende kleine workshops mit Designer-Silberschmieden, die ihren eigenen Stil prägten und wunderschöne Silberwaren selbst herstellen und vermarkten.

Schon während WW2 erkannten die Engländer, dass sie die enormen Kriegskosten (die in einem Staatsfond angehäuft wurden) nur würden tilgen können, wenn die britische Industrie exportfähige Waren produziert. Um marktfähiges Design zu fördern, wurde u.a. das Council of Industrial Design (Design Council) gegründet.

Für dieses Design "Pride" von 1958 bekam David Mellor 1959 eine der wichtigsten Auszeichnungen für exzellentes Industrie-Design: Den Design Centre Award by the Council of Industrial Design. Für Optik UND Funktionalität!

Mich begeistert immer wieder die Massivität und Pflegeleichtigkeit.

Das Londoner Royal College of Art sollte dafür sorgen, dass fähige Designer ausgebildet wurden - und das tat es!

Schon mit den allerersten Jahrgängen Anfang der 50er absolvierte die Crème de la Crème der englischen Industriedesigner diese Kaderschmiede und prägte durch ihr Wirken und die Ausbildung der nachkommenden Generation nicht nur das Silberhandwerk.

Diese Generation hatte noch die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln in den noch produzierenden Betrieben wie z.B. C J Vander. Dadurch waren sie in der Lage, marktfähige Siberwaren zu produzieren und nicht nur Formenträume auszuleben. Ich nenne mal ein paar große Namen und den Abschlussjahrgang:

Eric Clements (1952), David Mellor (1954), Gerald Benney (1954), Robert Welch (1955) und Stuart Devlin (1960).

Design Eric Clements

in Sterling Silber von Elkington 1964. Es wurde sonst meist nur VERsilbert verkauft.

 

1966   Asprey   London

Ich weiß leider nicht, wer es für Asprey gestaltet hat.


Auch in den USA hatten großartige Designer große Erfolge mit modernem Design.

 1958     "The Diamond"     Design John Prip    für Reed + Barton / USA

 

 1958     Design Donald H. Colflesh     für Gorham / USA

genannt "Circa `70"

 

In Scandinavien wirkten die Nachfolger von Georg Jensen und Evald Nielsen

um 1950   Michelsen   Dänemark


um 1950   Salomonsen   Dänemark

 

Cohr   Dänemark

 
Alle Service oben haben etwas gemeinsam:

Das Design wurde ausgezeichnet, von großen Firmen promoted und vertrieben - und deshalb industriell hergestellt in relativ großen Stückzahlen. Im Gegensatz dazu kommen wir jetzt zur Kategorie

"Der Meister hämmert selbst"

Kleine Stückzahlen oder sogar Einzelstücke, hergestellt in kleinen Werkstätten - in Design UND Produktion klar einer Person oder zumindest einem workshop zuzuordnen.

1965   Graham Watling  (1930-1996)   London

 

1968   Hilary Norman   London

elegante und gleichzeitig schwere (2 kg!) Umsetzung eines Designs von 1720

 

   

1990  G R Temmis   Birmingham

33 cm hoch und 1116 Gramm

 

Temmis war ein pensionierter Major der Armee

und lebte in der Nähe von Stratford on Avon,

wo er seiner Passion als Silberschmied nachging.

 Natürlich erinnert das Design klar an die Kaffeekannen von Eric Clements aus den 1960ern. Aber beim direkten Vergleich verleihe ich dieser Kanne von Temmis hier das Prädikat "Entwurf". Für mich persönlich differenziere ich nach

  • Entwurf = man spürt eine gewisse Leichtigkeit, mit der das Design aufs Papier "geworfen" wurde. Eine "runde Sache", bei der auch Qualität und Praktikabilität ganz selbstverständlich sind.
  • Design = auch mal den Kopf einschalten. Was ist praktisch - was will der Professor/Chef - was ist gerade in und verkauft sich?
  • Konstruktion = Hauptsache anders. Was braucht man da Hitzestopper an den Griffen? Säubern muss man Kannen innen auch nie. Und ausgießen ist auch nicht so wichtig. Man ist ja schließlich Künstler. Nicht immer meine Welt ... So etwas zum Beispiel:
 

 

Hier wieder eine "Runde Sache" die mir sehr gut gefällt. Die Kanne alleine deutlich über 800 Gramm und über 1,5 Liter.

 1961/64   Loughborough College of Art   Birmingham

Handarbeit mit der daraus resultierenden samtenen Oberfläche.

Deckel komplett abnehmbar. Das erleichtert die Reinigung.

 

Einer meiner Favoriten:

1972   Robert Welch   London

Sehr aufwendige schwere Arbeit, aufgebaut auf handgetriebenem Bodenteil.

 Auch wenn ich hier überwiegend Teeservice zeige - davon konnte und kann kein Silberschmied leben.

Was also produzierten die Silberschmiede in den letzten Jahrzehnten?

 mal was ganz anderes:

Brieföffner in Form des Excalibur-Schwertes

James Houston   USA  um 1975

 

Im Grunde nichts Neues: Schalen, Trink- und Gießgefäße in allen Varianten. Vasen, Leuchter und Bestecke.

Und Schmuck, Schmuck, Schmuck - für viele das Brot und Butter-Geschäft.

Dazu die Hoffnung auf lukrative Kommissionsarbeiten, die es für die Besten durchaus gab und gibt. Von konkreten Designaufträgen anderer Firmen bis hin zu ganzen Silbergeschirren für große Tafeln beim Ölscheich. Da hast du dann auf Jahre zu tun ...

Hier eine Besonderheit des englischen Marktes, die wir in Deutschland so weniger kennen:

Aufträge der Kirche - sozusagen Sammelbecher mit Segen

Wenn eine Kathedrale ein Jubiläum feiert, dann ist es durchaus üblich, dass ein silberner Messbecher in Auftrag gegeben wird als limitierte Serie - mit für mich erstaunlich hohen Auflagen von oft z.B. 750 Stück!

Übrigens auch, wenn die Queen Geburtstag hat, Charles mal wieder heiratet oder Klein-ich-weiß-nicht-wer getauft wird. Und diese Sachen kaufen nicht nur Touristen. Da kommen unglaubliche Mengen zusammen. Kennen wir so nicht, braucht man vielleicht auch nicht - aber einige Stücke sind durchaus ansehnlich.

Ich hätte da für zwischendurch noch 2 Teeservice aus dem späten 20. Jahrhundert.

  Vander   Sheffield

1987   Italien   Designer unbekannt. Sie / Er hat es produziert -

importiert, gepunzt und vertrieben wurde es von von Garrard in London.


Wenn es keine neuen Produktlinien gibt, was war und ist dann anders als "früher"?

Zum Beispiel die Kombination von Silber mit vergoldetem Silber und Emaille.

Stuart Devlin 1968

 

Oder die Gestaltung der Oberfläche wie eine Baumrinde. "bark effect".  

"Bark Effect"

Christopher Lawrence

Der Legende nach entstand diese Art der Oberfläche erstmalig dadurch, dass der Sohn von Gerald Benney einen der Hämmer aus Papas Werkstatt nutzte, um sein Fahrrad zu reparieren. Danach legte er ihn wieder zurück und Gerald Benney griff ihn sich später, um damit eine Oberfläche zu bearbeiten ...

 Kurz: Oberflächen-, Farb- und Material-Mixe aller Art.  Das finde ich wirklich spannend. Und handwerklich oft sehr anspruchsvoll!

Hier an einem weiteren, typisch englischen Produkt: Dem condiment set, der bei uns praktisch unbekannten Kombination aus offener Salzschale, Pfefferstreuer und Senftöpfchen.

   

 Malcom Appleby , 1987

designed for 10 Downing Street

  Richard Fox,  1991

salts by Anthony Elson

 
Schon ganz früh in den 1950ern gab Gerald Benney die Devise aus, englische Silberwaren müssten auch sofort als solche erkennbar sein - u.a. an der Qualität.

Ich vermute, da war auch ein kleiner (oft berechtigter) Seitenhieb versteckt auf die Konkurenz aus Skandinavien, vor allem Dänemark - und hier die Firma Georg Jensen (dessen Namensgeber ja schon 1935 verstarb).
Skandinavisches Silber beherrschte damals den modernen Markt. Und dabei lebte es von den Entwürfen aus dem Hause Georg Jensen, für das viele namhafte Designer arbeiteten.

Das ist absolut ok. Nicht so toll finde ich aber, dass seit dem praktisch nichts Neues mehr gekommen ist. Man bekommt weitgehend seit Jahrzehnten immer wieder die alten Designs vorgesetzt.

Sei es die gefühlt viertausendundzwölfte Ausgabe der "schwangeren Ente"  

   

zum aktuellen Neupreis

von fast 20000 €,

 

oder das altbekannte Modell 432.

Gebraucht für regelmäßig über 5000 €


 Bevor wir jetzt in eine Preisdiskussion kommen, lassen Sie mich erst einmal ein bisschen ablästern zum Thema "Kunst" und Preise. Ich stehe nämlich der modernen Kunst grundsätzlich eher kritisch gegenüber.

Oder, um es klar zu sagen:

Ich fühle mich oft verarscht!

360000 € für so etwas?

Der Künstler heißt bzw. hieß Ellsworth Kelly.

Und a propos Kelly: Die "Kelly Bag" (eine Damenhandtasche von Hermes, benannt nach Grace Kelly) geht regelmäßig in großen Mengen gebraucht für 30000 USD bei Christies weg. Die haben dafür sogar einen Direktverkauf eingerichtet!

Und wenn ein Herr namens Inoue seinen Pinsel in dieser Weise

auf einem Stück Papier sauber macht, dann bringt das locker 50000 €

Da relativiert sich doch der Irrsinn dieser Welt, oder?

Noch Bedarf an einer Diskussion über die Preise von feinstem Silberhandwerk? ;-)

 

Nicht wenige Kollegen prophezeien, dass die Nachfrage nach modernem Silber der nach alten antiken Stücken bald mindestens ebenbürtig sein wird.

Aus den 1960, 70 und 80er Jahren wird schon einiges gehandelt. Stuart Devlin z.B. hat auch wirklich riesige Mengen produziert. Für ihn arbeiteten zeitweise 60 Leute, davon 40 als Silberschmied "at the bench". 1989 schloss er dann alle seine Shops und Werkstätten, zog sich auf´s Land zurück und machte nur noch spezielle Auftragsarbeiten.

Und was für welche!

An diesem Millenium Dish für die Goldsmith´s Company arbeitete er nach glaubhaften Berichten 15 Monate, praktisch jeden Tag 12 Stunden. Hier brachte er seine Erfahrungen ein, die er durch Entwurf und Fertigung der Münzen anlässlich der Olympiade in Sidney 2000 gemacht hatte. Sicherlich eines der spektakulärsten Stücke des 20. Jahrhunderts!

   

Millenium Dish

 

Durchmesser 77 cm

 Ein Stadtrundgang auf einem Teller.