Silberkunst im 20. Jahrhundert

bis 1950

Seit gut 30 Jahren kennen wir jetzt den Siegeszug von Internet und weltweiten Pauschalreisen und merken daran, wie klein doch die Welt ist.

Aber schon vor 100 Jahren, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wuchs die Welt zusammen. Weltausstellungen waren groß in Mode; Alfred Crichton (England) und Georg Jensen (Dänemark) eröffneten Filialen in New York - und 1914 begann ein unschönes Kapitel, das man später den 1. "Welt"krieg nennen sollte.

Auch Strömungen der (Silber-) Kunst wurden international. War vielleicht die Arts+Crafts-Bewegung noch überwiegend ein englisches Phänomen, also eher national, so waren Jugendstil/Art Nouveau zumindest schon europäisch.

1902   Julius Blankensee   London

Art Nouveau/Jugendstil meets
Arts+Crafts

Spätestens Art Deco / Modernismus sind eine weltweite Bewegung.

Diese Seite hier beschäftigt sich mit der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis nach dem 2. Weltkrieg.

Oben links finden Sie auch Unterregister über die 2. Hälfte, nach 1950 - und die aktuelle Szene im 21. Jahrhundert.

 

20. Jahrhundert, 1. Hälfte, bis 1950.

Arts+Crafts, Art Nouveau und Art Deco

Eine klare Abgrenzung der Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts voneinander ist aus meiner Sicht kaum möglich - zumindest nicht in der Silber-Kunst.

Design von Johan Rohde, 1915 für Georg Jensen

Wo endet Art Deco und beginnt der Modernismus? Und was ist letzterer überhaupt?

Ganz abgesehen davon, dass der Begriff ART DECO erst in den 1960er Jahren geprägt wurde - abgeleitet von der

"Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes"

der Weltausstellung des Kunstgewerbes in Paris 1925.

Oder nehmen wir dieses Service:  Ist das nun Art Deco, Art Nouveau oder Arts + Crafts?

Handgehämmerte Oberfläche, verspielte florale Motive an Griff und Krone - und doch klare Linien.

Es stammt aus England, Birmimgham 1936, von Charles S. Green.

Das schlimmste an diesem Service: Ich Idiot hab´s mal verkauft!

 Schon an anderer Stelle habe ich erwähnt, dass die Industrialisierung im 19. Jahrhunderts dem Silberhandwerk nicht sehr zuträglich war in Bezug auf Kreativität und Qualität.

 Erst zum Ende des Jahrhunderts führte eine künstlerische Gegenbewegung zu einer Renaissance der handwerklichen Gestaltung - u.a. dem Jugendstil und

Arts+Crafts 

1925   Liberty    Birmingham

 Die Arts+Crafts-Bewegung dauerte von etwa 1880 bis ca. 1915, wobei die in dieser Zeit entworfenen Stücke noch weitere 25 Jahre hergestellt wurden. Arts and Crafts war eine Gegenbewegung von Künstlern um C.R. Ashbee, A.E. Jones und anderen, die aus Protest gegen die entmenschlichte Massenproduktion wieder Handwerk, Kunst und Design zusammen führten. Markenzeichen dieser Stilrichtung sind handgehämmerter Oberflächen.

Wobei die Herstellung durchaus mit maschineller Unterstützung erfolgte - wo immer möglich.

1920   A. E. Jones    Birmingham

Durchsetzen konnten sich diese Idealisten aber nicht gegen die Übermacht der großen Produktions- und Handelsbetriebe. Ashbee zog mit seinen "Jüngern" 1902 von London nach Chipping Campden in die Cotswolds - doch schon 1907 wurden die Werkstätten aus primär wirtschaftlichen Gründen aufgelöst.

Aber es gibt noch einen "letzten Mohikaner": George Hart blieb und hielt durch - und dessen direkte Nachfahren betreiben heute noch den Original-Workshop mit der berühmten "Guild of Handicraft" hallmark (nur ohne "Ltd.") in der Sheep Street.

Familie Hart in ihrer Werkstatt in Chipping Campden in den Cotswolds.

 Das Bild wurde aufgenommen bei meinem Besuch im Sommer 2011 - sah aus, wie vor 100 Jahren. 2017 sah es genau so aus - man könnte auch sagen "wie bei Hempels unter´m Sofa"

Aber die dort geleistete Handarbeit ist erstklassig! Der Maschineneinsatz ist wirklich zu vernächlässigen.

 http://www.hartsilversmiths.co.uk
 

Handarbeit aus der Werkstatt der Familie Hart

dicke schwere Qualität

 

Die Arts + Crafts - Bewegung beschränkte sich doch weitgehend auf England - mit Ausnahme des Kalo-workshops in Chicago / USA. 

http://chicagosilver.com/index.htm

 

Auf dem Kontinent spielte der Jugendstil / Art Nouveau eine größere Rolle.

um 1900 Deutschland

  

In Deutschland leistete der Belgier Henry van de Velde Großartiges zur Förderung der Handwerk-Kunst.

Die Silberentwürfe von van de Velde wurden unter seiner Aufsicht realisiert in den Werkstätten des

Hoflieferanten Theodor Müller in Weimar.  (Service von 1916)

  

1905   WMF   Würtembergische Metallwaren Fabrik   Deutschland        

Die haben viel gemacht im Jugendstil, ebenso die Orvit Metallwarenfabrik aus Köln. Meist VERsilbert.

  

um 1920   Bruckmann   Heilbronn

nach einem Entwurf von Helene Brandt

 

1914   Peter Hertz   Kopenhagen

Die Verbindung von Silber und Emaille.

 

   

Schmuckdose mit baltischem Bernstein von 1914

9 x 8 x 5 cm    215 Gramm (./. Samt)

 

siehe dazu auch unter

"Verkauf" "Evald Nielsen"


 

1916   Kopenhagen  

Evald Nielsen No 6   Vindrue / Traube

  

In Frankreich entstanden

Anfang des 20. Jahrhunderts schöne Service in guter Qualität - wie auch immer man diese Stilrichtung nennen will. 

Claude Doutre - Roussel, Paris

Paul Tallois, Paris

Paul Canaux, Paris

 Paul Bibollet, Paris

Christofle, Paris

 Nachdem die Menschen sich an den meist floralen Motiven des Jugendstils satt gesehen hatten, steuerte alles auf einen weitaus schlichteren Stil zu. Dieser sollte spätestens ab 1925 seinen Siegeszug um die Welt antreten - ausgehend von der

"Exposition Internationale des Art Decoratifs" 1925 in Paris,

der Weltausstellung für Dekorative Kunst. Erst viel später, in den 1960er Jahren, entstand der heute allgemein für diesen Stil verwendete Begriff:

Art Deco

 

 Die Hinführung erfolgte schon weit früher, wie das folgende Exemplar gut zeigt:

1914   Josef Michael Lock

Entwurf für Deutschen Werkbund
Heute ist man geneigt, diese Form "Art Deco" zu nennen. Obwohl sie so früh entstand.

 An den folgenden beiden Service kann man erkennen, wie die Formen des späten 18. Jahrhunderts die ART DEKOratifs beinflußten. 

1929   Roberts + Belk   Sheffield

 

1930   Charles S. Green  Birmingham,  gestaltet für und Vertrieb durch Tiffany.

  

Hier haben wir sozusagen die Mutter aller Art Deco Teeservice:

um 1925   Roux Marquiand   Lyon

Dieses Service wurde ausgezeichnet auf der "Exposition Internationale des Art Decoratifs" in Paris, 1925.
 

 Leider gibt es dieses Service offensichtlich nur VERsilbert 

 

 VERsilberte Service sind recht günstig zu bekommen, davon gibt es einige auf dem Markt.

 Man muss sich aber darüber klar sein, dass bei allen VERsilberten Sachen die hauchdünne Silberschicht auf Kupfer es nicht erlaubt, Kratzer auszupolieren - früher oder später scheint das Kupfer durch. Sieht nicht unbedingt schlecht aus - muss man aber mögen. 

 

Die französischen Art-Deco Service aus massivem 950er Silber sind besonders wertig.

um 1940   Foinet et Le Coringer   Paris

 

         

extrem seltenes 5-teiliges Service mit separater Kanne für Milch oder Wasser (mitte)

um 1930   Saglier Freres   Paris

 

 

 ca. 1930    Boulanger    Paris

2,4 kg mit Elfenbeingriffen. In TOP-Zustand!

 

 

Repräsentanten des Art Deco Stils findet man fast überall auf der Welt

Selbst im ansonsten verspielten Portugal wurden zu der Zeit die Formen auch mal streng.

 

Ebenso in Italien ...

 

... und sogar in Indien.

 

Obwohl die DECOrative ARTs in Amerika großen Anklang fanden, sind Teeservice aus den USA

nur sehr selten zu finden.

"Dorian" von Percy Ball gestaltet, um 1935, Ausführung Watson Comp.

 

Die meisten Art Deco Service aus massivem Silber entstanden eindeutig in England -

bis weit in die 1940er Jahre hinein.

1941   George Bryan   Birmingham

Für mich der Inbegriff eines perfekten Art Deco Service!

  

1937  C.E.   London

  

1946   Mappin + Webb   Sheffield

 

 

1947   Walker + Hall  Sheffield

 

Der Klassiker von Emile Viner aus den 30er und 40er Jahren

auf Original-Tablett

 

 1948   R.E. Stone   London

handgehämmert und signiert, mit kleinem Tablett für Kanne.

 Natürlich gab es zu all den Zeiten nicht nur Teeservice. Ich denke aber, man kann an der Abfolge einer homogenen Produktgruppe gut die Entwicklung der stilistischen Unterschiede sehen.

Außerdem mag ich Teeservice. Haben Sie vielleicht schon gemerkt ... 

Zum Abschluß der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine kleine Geschichte aus der wundersamen Welt eines Sammlers:

1949    Wakely + Wheeler    London

Es ist schon etliche Jahre her - ich finge gerade erst an, etwas ernsthafter zu sammeln und gewöhnte mich erst gaaaaaanz langsam an die Preise für richtig gute Stücke. Und begann auch erst zu verstehen, warum manche Stücke einfach besser und teurer sind als andere.

Da sah ich auf der website von Payne + Son in Oxford dieses Café au Lait Service.

Payne + Son mit Ihrem Laden auf der Highstreet in Oxford sind so etwas von vornehm in ihrer 8. Generation seit 1790, dass sie es offensichtlich nicht nötig haben, ihre Ware anzupreisen, sondern nur auszupreisen.
Bild, year and maker, Preis. Mehr nicht. Keine Größen, keine Gewichte, keine Beschreibungen.
Preis: knapp 4000 €!

Damit war der Laden für mich erst einmal erledigt. Ich mochte Café au Lait Service schon immer und hatte auch welche, aber die kosteten nicht einmal die Hälfte.
Über Monate betrachtete ich es aber doch hin und wieder und fragte mich, warum die so viel Geld dafür haben wollten. Irgendwann kam ich auf die Idee, mal Payne + Son selbst zu fragen.
Über den sich daraus ergebenden email-Schriftverkehr kann ich heute immer noch kopfschüttelnd staunen.

Ich musste denen jede Information förmlich aus der Nase ziehen. Irgendwie wollten die gar nicht verkaufen. Als ich endlich die Größe und das Gewicht in Erfahrung gebracht hatte (30 cm und fast 3 kg!), da ahnte ich schon, dass es etwas Besonderes sein mußte.

 

 Aber erst nach einigen weiteren Nachfragen war klar:
Von diesem cafe au lait set wurden nur 3 Stück in Handarbeit gefertigt.
 2 gingen nach St. Edmund Hall in Oxford, von denen eines über und über mit Inschriften versehen ist.

Von den "Unversehrten" gibt es also nur 2.
Dieses hier ging an David Morton, als er am Merton College an der University of Oxford war.

Neben der Zeichnung für die Kannen (interessant: 1 Zeichnung für 2 Ausgußformen)
habe ich auch die Vereinbarung zwischen Morton und Payne + Sons (eine Art Pachtvertrag).

Das Design ist von A.E. Pittman von Wakely + Wheeler für Payne + Son, die den Auftrag gaben.
Später hat W+W von diesem Design auch einige wenige "normale" Ausfertigungen hergestellt. Kleiner, maschinell gefertigt und wesentlich dünner/leichter. Das Design nannte sich dann "Bruton" und es gab dazu auch eine Teekanne.

Bei einem Besuch bei Payne + Son in Oxford meinte Judy sich erinnern zu können, dass auch eine Teekanne handgemacht worden sei, aber sie hätte keine Ahnung, wo die sein könnte. Seit dem suche ich die....

Gefunden habe ich immerhin einige Becher/mugs und, auch in der schweren handgemachten Version,

das condiment set, also Salzschale, Pfefferstreuer und Senftöpfchen.

 Interessant sind bei diesen Stücken auch die Stempel.

Zum einen tragen die von 1953 natürlich zusätzlich die Krönungsmarke zu Ehren Elizabeth II.

Alle zeigen außerdem die Unterschrift des Designers, A. E. Pittman. Dahinter steckt das Finanzamt: Nach dem 2. Weltkrieg gab es in England auf neugefertigte Silberwaren eine Luxussteuer von bis zu 130 %. Die brach dem sowieso darniederliegenden Silberhandwerk bald endgültig das Genick. Gleichzeitig wollte England aber mit aller Gewalt mit exportfähigem guten Design die Kriegsschulden abtragen. Als Kompromiss wurde folgende Regelung gefunden: Neue Designs mussten von einer Kommission als "künstlerisch wertvoll" bewertet werden, dann durften sie in ganz kleiner Stückzahl (meist bis zu 5 Stück) ohne Luxussteuer gefertigt werden.

Außerdem mußte die Unterschrift des Designers eingraviert werden.